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Portrait einer Wahl-Krefelderin: Nicole Frohne fotografierte den Dalai Lama

Portrait : Nicht ohne ihre Kamera

Bei der WZ hat Nicole Frohne das Fotografieren gelernt. Seitdem hatte sie in Sydney Olympia-Stars wie auch den Dalai Lama vor der Linse. Am liebsten porträtiert die Wahl-Krefelderin aber Frauen und ihre Geschichten – manchmal sind das auch sehr schmerzhafte.

Dass sie als Künstlerin arbeiten will, war für Nicole Frohne schon als Kind glasklar. Vielleicht zum ersten Mal, als sie „mit neun oder zehn Jahren“ die alte Kamera ihres Großvaters in den Händen hielt. Auf ihrem Weg dorthin hat sich die 43-Jährige immer treiben lassen. Von der Westdeutschen Zeitung in Viersen, wo sie als 18-jährige Praktikantin das Fotografieren lernt, aber anschließend ein Volontariat ausschlägt, zu Modefotografin Annemarie von Sarosdy nach Düsseldorf und Berlin, dann an die Düsseldorfer Fachoberschule für Design, anschließend nach Mönchengladbach zur Fotografenausbildung – „ganz klassisch“ –, zwei Jahre später dann sogar bis ans andere Ende der Welt: In Australien dokumentiert sie als erste Fotografin für das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) die Olympischen Spiele in Sydney 2000. Seit eineinhalb Jahren lebt Nicole Frohne in Krefeld, an der Hochschule Niederrhein studierte sie eine Zeit lang Kommunikationsdesign. Doch in der Zeit dazwischen ist viel passiert.

„Die Höhepunkte meiner beruflichen Karriere sind immer durch Zufall entstanden, wenn ich mich nicht darum bemüht habe“, sagt Frohne. So wie damals, als sie durch Zufall beim Deutschlandbesuch des Dalai Lama für eine erkrankte Kollegin einspringt und das buddhistische Oberhaupt drei Tage lang für den Evangelischen Pressedienst begleitet. Eine Erfahrung voller Gegensätze: Der Dalai Lama, eine „unglaublich beeindruckende, witzige und humorvolle Person, er lacht den ganzen Tag“ – und das Hauen und Stechen ums beste Bild der Pressefotografen, „ein brutales Haifischbecken“, findet Frohne.

Erste Erfahrungen sammelt sie bereits Jahre zuvor, als sie und ihr heutiger Ehemann mit einem Work-and-Travel-Visum nach Australien reisen, und Nicole Frohne, „blutjung und unerfahren“, plötzlich als Pressefotografin fürs ZDF die Olympia-Stars fotografieren soll. „Da war ich drei, vier Wochen lang im Dauereinsatz, Stress pur“, erinnert sie sich. Doch das sei es wert gewesen. Mit dem Geld aus den Aufträgen reisen sie anschließend ein Jahr lang mit dem Rucksack quer durchs Land und anschließend durch Asien. Bis sich das ZDF mit einem Auftrag zur Dokumentation einer Fernsehproduktion erneut bei Frohne meldet, doch die lehnt dankend ab – „bereut habe ich das bis heute nicht“.

Nicole Frohne in ihrem Arbeitszimmer in Krefeld. Foto: Nicole Frohne

„Wegen der Familie“ kehren sie und ihr damaliger Freund nach einem Jahr zurück an den Niederrhein, „voller Eindrücke und Emotionen, während die Welt hier offenbar stehengeblieben war. Da war dann plötzlich das große Loch da“, erinnert sich Frohne. „Wir zogen bei meiner Schwiegermutter ein, mussten erstmal uns, eine Wohnung und einen Job finden.“ Ihrem Partner sei das leicht gefallen. Er bekommt einen Studienplatz für Psychologie in Münster, Nicole Frohne zieht mit und hält sich mehrere Jahre mit Jobs über Wasser – als Sachbearbeiterin bei der Agentur für Arbeit, in einer Bäckerei, in einem Modegeschäft. Glücklich sei sie damals nicht gewesen. „Die Fotografie und ich waren immer ganz eng. Das ist wie mit einer Beziehung. Damals brauchte ich eine Pause.“

Geschichten der Frauen treffen die Fotografin wie ein Tsunami

Ausstellung Abusus, das Wohnzimmer Foto: Nicole Frohne

Bis 2006, damals, mit 30 Jahren, wagt Frohne den entscheidenden Schritt: als freischaffende Künstlerin und Fotografin macht sie sich selbstständig. „Drei Jahre lang habe ich nur Frauen fotografiert“, erzählt sie. Warum? „Ich finde Frauen wunderschön. Männer zu fotografieren, das hat mich nie gereizt – und ich wollte nur noch machen, was mir Spaß macht.“ Aktfotografie in der Kanalisation, in der Natur, auf einem Schrottplatz. Projekte wie „Abusus“, in denen sie in Bildern Geschichten von Vergewaltigung und Missbrauch erzählt, ohne die Gesichter der Opfer zu zeigen. „Ich hatte damals eine kleine Anzeige in einem Studentenblatt der Uni Münster geschaltet, auf die sich 50 Frauen und auch ein Mann gemeldet haben“, erzählt Frohne. Die Geschichten, die die Betroffenen erzählen „haben mich getroffen wie eine Tsunami-Welle“. Unterstützung für ihr Projekt bekommt die Fotografin von der Polizei, von Psychologen und Frauenhäusern – aber zeigen will ihre Ausstellung anfangs niemand. Bis zum Wechsel im Kulturdezernat der Stadt Münster; auch das ZDF wird wieder auf Frohnes Arbeiten aufmerksam und zeigt ihre Ausstellung im Jahr 2009.

„Nach drei Jahren brauchte ich erstmal Abstand“, sagt Frohne, die sich einem anderen Thema widmet: dem Tod. In der Anatomie der Uni Münster fotografiert sie Leichen und Präparate. „Faszinierend“ nennt sie ihre Erlebnisse, die ihre „Bewunderung für den menschlichen Körper“ wecken; manchmal vielleicht auch verstörend, vor allem im Nachhinein: „Da war der Selbstmörder, der sich in den Kopf geschossen hat. Sein Gesichtsausdruck, der ist mir nachgegangen“, sagt Frohne. Ihre Aufnahmen fasst sie unter dem Titel „Fragmente“ zusammen – gesehen hat sie die Öffentlichkeit bisher nicht. „Obwohl ich für einen Kunstpreis nominiert war, hat sich bisher niemand gefunden, der die Ausstellung zeigen wollte.“

Auch in Krefeld hatte sie damit bislang wenig Erfolg. „Es ist schwierig hier für Künstler, weil es keine künstlerische Infrastruktur gibt“, ist Frohnes Eindruck. Derzeit widmet sie sich vor allem ihrem Buch „Zeitgeist“, in dem sie paranormale Erlebnisse verarbeitet, die sie seit ihrer Jugend beschäftigen.