Pogrom - Die Nacht, in der das vielfältige Krefeld in Scherben zerfiel

Gedenken: Die Nacht, in der das vielfältige Krefeld in Scherben zerfiel

Die Jüdische Gemeinde und ihre Gäste erinnerten in der Synagoge an der Wiedstraße an den 9. und 10. November 1938.

Es waren zwei Szenen, die sich am 9. und 10. November 1938 in Krefeld abspielten und die zusammen ein besonderes gespenstisches Bild ergaben. Beim Martinszug in der Innenstadt stiegen die Kinder buchstäblich über die Scherben aus der Nacht, in der die Nationalsozialisten die Synagoge, Geschäfte, Büros und Wohnungen der jüdischen Bevölkerung zerstört hatten. In Uerdingen wütete der Mob einen Tag später, so dass dort das Martinsfeuer und der Scheiterhaufen mit dem Inventar aus der Synagoge parallel brannten.

Diese Szenen beschrieb Historikerin Claudia Flümann von der NS-Dokumentationsstelle bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Pogromnacht in Krefeld. Die Jüdische Gemeinde und ihre Gäste wählten zwei Wege, um an die Ereignisse von 1938 zu erinnern: den von intensiven Streichern begleiteten lyrischen Weg und den des nüchternen beschreibenden Wortes.

Michael Gilad, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, eröffnete den Abend mit letzterem. Er beschrieb einen Abend im November, „ein Abend scheinbar wie immer“. Plötzlich fliegen Brandsätze durchs Fenster, später brennt die Synagoge an der Petersstraße – und die Feuerwehr achtet nur darauf, dass die Flammen nicht auf die benachbarten Gebäude übergreifen.

Die Spitze der NSDAP hatte am Abend des 9. November 1938 nach der Ermordung eines deutschen Botschaftsangestellten von München aus das Signal zum Losschlagen gegen die jüdische Bevölkerung gegeben. Der Anruf erreichte Krefeld gegen 22.30 Uhr, die Parteivertreter vor Ort organisierten Schlägertruppen und begannen ihren Zerstörungszug. „Es war der Tag, an dem das Bild einer toleranten und vielfältigen Krefelder Stadtgesellschaft in Scherben zerfiel“, sagte Claudia Flümann.

Regionalvikar Heiner Schmitz zählte zu denen, die bei der Gedenkstunde den lyrischen Weg wählten. Er las Verse des früheren Bischofs von Aachen, Klaus Hemmerle, vor. In dem Text kehrt ein Vers immer wieder: „Und die meinen haben es getan“, lautet er.

Michael Gilad verband am Ende seiner Rede den 9. November 1938 mit der Gegenwart. Verschiedene antisemitische Gruppierungen gewännen zur Zeit sehr schnell an Zuspruch. „Das macht uns Angst, denn man weiß nicht, wo dieser Antisemitismus endet“, sagte Gilad.

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