Picnic in Krefeld: Bote des Wandels?

Lebensmittel online einkaufen : Online-Supermarkt Picnic in Krefeld: Bote des Wandels?

Niclas Lewing fährt für den rollenden Supermarkt Picnic Lebensmittel zu Krefelder Familien. So soll Einkaufen künftig aussehen, hofft das Unternehmen. Kann das klappen? Eine Tour im Lieferwagen.

Das Display im kleinen Elektrolaster zeigt 29 Grad, Niclas Lewing stehen die Schweißperlen auf der Stirn. In dieser Hitze absolviert der 22-Jährige mit den blonden Haaren seinen beruflichen Vierkampf: Kiloschwere Lebensmittelkisten aus dem Auto hieven, zum Kunden in die Wohnung tragen, Boxen wieder verstauen, zum Nächsten rollen. Lewing arbeitet neben seinem Biologiestudium als Lieferant, im Jargon „Runner“ genannt, für den Online-Supermarkt Picnic. Seit Mitte März fährt er in weißem Polohemd und Schürze für das Unternehmen durch Krefeld. An die körperliche Anstrengung hat er sich gewöhnt. „Ich bin ja noch jung und es hilft gegen die Plauze“, sagt Lewing und lacht kurz, während er die nächste rote Kiste mit Getränkeflaschen aus dem Lieferwagen wuchtet.

Lewing ist einer von etwa 500 Picnic-Mitarbeitern hierzulande. Die Firma möchte den deutschen Handel revolutionieren. Der Plan ist ambitioniert. Nur etwa ein Prozent der Kunden lässt sich typische Supermarkt-Waren wie Obst, Fleisch oder Milchprodukte derzeit nach Hause liefern. So recht konnte sich noch kein Anbieter etablieren – zu teuer oder zu kompliziert waren die Modelle wohl. Nachdem Picnic in den Niederlanden bereits Erfolg hatte, möchte die Firma es seit mehr als einem Jahr auch auf dem deutschen Markt besser machen. 35 000 Kunden an ersten Standorten am Niederrhein und im Ruhrgebiet bestellen schon, seit Februar auch in Krefeld. Ein Nachmittag im Lieferwagen zeigt, wie es funktioniert.

Die Tour von Niclas Lewing beginnt in einer kargen Halle im Mies-van-der-Rohe-Businesspark. Ein bunt bedruckter Wagen nach dem anderen rollt vom Hof. Vor allem junge Leute, meist Studierende, die etwas dazu verdienen, sitzen am Steuer. Lewing schiebt die schwarzen Kühlboxen und die roten Plastikkisten auf die Ladefläche. Alles kommt fertig gepackt aus der Zentrale in Viersen. Nun muss Lewing die Liste, die neben dem Steuer klemmt, abarbeiten. Die Kunden bekommen auf die Minute genau mitgeteilt, wann der Lieferant vor Ort ist. Sie sollen nicht unnötig lange warten. Die genaue Zeit erinnert ein wenig an den Milchmann, der in vergangenen Jahrzehnten bei vielen noch verlässlich zur festen Zeit durch die Straße rollte.

Die Wohnung von Sina Beckers im Westen der Stadt liegt zum ersten Mal auf Lewings Route. Sie ist Neukundin. Draußen öffnet er die Ladefläche, scannt die Tüten und Kisten, dann geht es in den obersten Stock des Mehrfamilienhauses. Die Einfamilienhäuser in St. Tönis und Traar seien dahingehend dankbarer, sagt Lewing. Oben angekommen wartet Beckers an der Tür. „Meine Cousine hat mir das empfohlen“, sagt die junge Frau. Mit ihren kleinen Kindern, eines im Maxi-Cosi, sei vor allem das Hochschleppen anstrengend. Der Service soll nun Abhilfe schaffen. Lewing bringt die Tüten in die Küche und erklärt rasch das Konzept. Die Plastikbeutel seien recycelbar, gerne nehme er auch Pfandflaschen mit. „Super, da kann ich Ihnen gleich was geben“, sagt Beckers und drückt ihm zwei Flaschen in die Hand, die Lewing im Smartphone notiert. Als Begrüßung gibt es noch Schokolade und eine handgeschriebene Karte für die Kundin. Sympathisch und nahbar soll das wirken.

Am Anfang hätten die Besuche in fremden Wohnungen etwas Überwindung gekostet, sagt Lewing. „Für einen Moment ist man im Lebensgeschehen einer fremden Familie.“ Von der Sozialwohnung bis zur Villa habe er alles gesehen. Genauso vielfältig sind seine Kisten: Von einem Haufen Obst bis zum Bündel Tiefkühlware hat er alles im Gepäck. Lewing sieht die Aufgabe als „Charakterschulung“. Gespräche mit Fremden führen, auf die Menschen zugehen – das lehrt ihm der Nebenjob.

Harald Öhns erwartet den kleinen Laster bereits an der Haustür. Zum fünften Mal hat er bestellt und sei „absolut zufrieden.“ Oft habe er keine Lust nach der Arbeit um 17, 18 Uhr, noch einzukaufen. Deshalb lässt er liefern, das sei ja auch nichts anderes als ein warmes Gericht vom Restaurant. Seinen Nachbarn, zwei Senioren, hat Öhns das Angebot empfohlen. So recht würden die aber noch nicht wollen. Schade, findet Lewing. Älteren Menschen würde das doch viel Arbeit abnehmen. „Einmal habe ich die Kisten zu einem sehr gebrechlichen Mann in der Innenstadt hochgetragen. Es war schön und sehr erfüllend, da auch eine Hilfe zu sein“, sagt Lewing. Die Bestellung per App und die vergleichsweise unbekannte Marke Picnic sind wohl entscheidende Hürden.

Auf Lewings Fahrt sind hauptsächlich Familien die Besteller. Ab und an öffnen sogar nur die Kinder. Ein Geschwisterpaar steht an einer Tür. „Das kann da hin“, sagt der kleine Junge zu Lewing und deutet neben die Treppe. Der Lieferant stellt ab, der Junge ruft noch der Schwester hinterher: „Hast du noch die Flaschen für den Mann?“ Mit diesem Vertrauen habe er zu Beginn seines Jobs nicht gerechnet, sagt Lewing.

Schon geht es weiter. 14 Haushalte in etwas mehr als zwei Stunden sind seine Aufgabe. Alle 500 Meter steht im Schnitt ein Stopp an. Gegen Ende seiner Tour hält Lewing bei Michael Jöbkes. Der Mann kennt das Prozedere bereits, bittet den Fahrer gleich in die Küche. Die Umstellung auf den Lieferdienst sei ihm einfach gefallen, sagt Jöbkes: „Endlich keine Schlepperei mehr.“ Was ihn besonders freut: Die Frische der Ware und, dass der Einkauf nicht teurer ist als im Supermarkt. Tatsächlich versucht Picnic, mit dem Versprechen des besten Preises zu überzeugen. Im Gegensatz zur Konkurrenz ist die Lieferung gratis, lediglich 25 Euro Mindestbestellwert sind vorgegeben. Wie ist das bei dieser aufwendigen Infrastruktur möglich? Zum einen spart die Firma Raumkosten im Vergleich zum herkömmlichen Supermarkt, sie benötigt lediglich ihre Zwischenlager. Die Waren bezieht das Unternehmen täglich von seinen Zulieferern wie Edeka Rhein-Ruhr oder örtlichen Bäckern. Hinzu kommen die vom Algorithmus effizient berechneten Routen. Und: Man schmeiße nichts weg, heißt es bei den Verantwortlichen. Durch die Bestellung bis 22 Uhr am Vorabend ordert Picnic exakt so viel, wie die Kunden benötigen.

Lewing tuckert inzwischen zurück in den Mies-van-der-Rohe-Businesspark. Ihn habe das Konzept auch persönlich überzeugt. Dennoch muss er noch im Laden einkaufen. Im Meerbuscher Stadtteil, in dem er lebe, gebe es das Angebot noch nicht. „Das ist ein bisschen die Ironie des Ganzen“, sagt Lewing.

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