Pflegeeltern gesucht — ein Dauerzustand in Krefeld

Krefeld : Pflegeeltern gesucht — ein Dauerzustand in Krefeld

In der Stadt gibt es 250 Pflegekinder. 140 wachsen in fremden Familien auf. Doch die Betreuung ist schwierig.

Die Stadt Krefeld sucht dringend Familien, die ein Kind in Dauerpflege aufnehmen möchten. „Es kommt uns dabei aber nicht auf die Zahl der Pflegeeltern an, sondern auf die Qualität und Kontinuität“, erklärt Judith Heisig vom Pflegekinderdienst der Stadt. Denn das Pflegekind habe oft keine Perspektive, in seine Ursprungsfamilie zurückzukehren und lebe dann wie ein eigenes Kind in der neuen Familie, bis es volljährige ist – oder sogar darüber hinaus. „Das muss passen“, sagt die Mitarbeiterin der Verwaltung. „Dann kann sich das Kind in der neuen Familie wohl fühlen und bekommt Möglichkeiten, die es im ursprünglichen Umfeld meist nicht bekommen hätte.“ Mit dem Gefühl von Sicherheit und familiärer Bindung im Rücken.

Damit die bestmöglichen Rahmenbedingungen im Vorfeld sondiert werden können, setzt die Stadt auf einen möglichst großen Pool an Pflegeeltern. Zurzeit gibt es in Krefeld etwa 250 Pflegekinder. Davon wachsen etwa 110 bei Verwandten wie Großeltern auf und rund 140 in etwa 110 Fremdpflegefamilien. Immer wieder nach Aufrufen der Stadt meldeten sich zwar verstärkt Interessierte im Jugendamt der Stadt, aber häufig fehle ihnen der Hintergrund. „Sie bringen das notwendige Herzblut mit, haben aber keine Informationen.“

Welche Kinder werden vermittelt?

„Die Kinder, die hier vermittelt werden, kommen aus der Bereitschaftspflege“, sagt Judith Heisig. Es handelt sich also zumeist um Jungen und Mädchen im Alter von acht Monaten bis vier Jahre. Bei den Eltern oder einem Elternteil führten häufig psychische Erkrankungen sowie Alkohol- und Drogensucht zu sozialer und emotionaler Vernachlässigung häufig schon der Neugeborenen. „Die Eltern sind dann nicht in der Lage, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen und zu befriedigen“, sagt die Verwaltungsfachangestellte. Körperliche Misshandlungen stünden dabei heute im Gegensatz zu früheren Jahren nicht mehr im Vordergrund. Ärzte, Psychologen, Jugendamt und Juristen müssten schließlich darüber entscheiden, ob das Kind aus der Familie genommen wird. „Es dauert eine Zeit, bis festgestellt wird, eine Rückführung ist nicht möglich.“

Mögliche Rückführung

Größte Sorge der Pflegefamilien ist nach Aussage von Judith Heisig, dass dennoch ein „Antrag auf Rückführung“ gestellt wird. „Ich bin jetzt zehn Jahre dabei und habe noch nie erlebt, dass das funktioniert hat“, sagt Judith Heisig. Dennoch sagt sie auch: „Es ist keine Adoption.“ Deshalb versuche der Fachbereich Jugendhilfe im Vorfeld alle Betroffenen an einen Tisch zu bringen. Im Idealfall stimmten die leiblichen Eltern der Unterbringung in der „Dauerfamilie“ zu. Es komme allerdings auch vor, dass Pflegefamilien mit der Situation überfordert seien. „Aber das ist selten.“ Besonders schwierig werde es beispielsweise, wenn das Kind in die Pubertät komme. „Das ist anders als mit dem eigenen Kind. Aber wir bieten immer Hilfen an und unterstützen die Familien.“

Kontakt zur Herkunftsfamilie

Großen Diskussionsbedarf gibt es laut Judith Heisig immer auch beim Thema Kontakt zur Herkunftsfamilie. „Da haben die leiblichen Eltern ein Recht drauf – und die Kinder auch.“ Häufig erlösche das Interesse aber im fortgeschrittenen Alter der Kinder – seitens der Eltern. „Bewerber sollten damit einverstanden sein, die leiblichen Eltern kennen zu lernen“, skizziert die Verwaltungsfachangestellte eine Art Idealzustand im Vorfeld.

Welche Pflegefamilien sind geeignet?

Familien, Paare, Singles oder Lebensgemeinschaften können ein Kind aufnehmen. Sie sollten materiell abgesichert sein und die räumlichen Voraussetzungen mitbringen. Häufig zeigten Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch Interesse. Und sie würden gerne einen Säugling bei sich aufnehmen.

Ganz neue Wege gehen

Interessenten sollten sich laut Judith Heisig im Vorfeld mit dem Thema auseinandersetzen. „Das ist eine Herausforderung für die Beziehung und die Familie.“ Aber die neuen Mitglieder könnten eine großer Bereicherung für die Familie werden. „Die Kinder saugen auf wie ein Schwamm.“ Die neuen Eltern sollten aber Abstand von herkömmlichen Verhaltensmustern nehmen. „Es hat bestimmte Gründe, warum sich das Pflegekind so verhält, wie es sich verhält. Wichtig ist es, immer wieder neu zu reflektieren und ganz neue Wege zu gehen.“ Und sie stehe immer auch mit persönlichem Rat zur Seite. Als zweifache Mutter mit zwei eigenen Kindern, die über 30 Jahre alt sind, hat sie selbst zwei Pflegekinder im Alter von 7 und 17 Jahren.

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