NS-Dokumentationsstelle: Opfergruppen im Fokus

NS-Dokumentationsstelle : NS-Dokumentationsstelle: Opfergruppen im Fokus

Workshops in der Villa Merländer widmen sich inhaltlich Juden, Sinti und Roma sowie Homosexuellen, die im Dritten Reich verfolgt wurden.

Peter S. war homosexuell. Zur Zeit des Nationalsozialismus war dies ein Grund, verhaftet, ins Konzentrationslager gesperrt und getötet zu werden. Anton S. wurde aus dem gleichen Grund attestiert, schwachsinnig zu sein. Über ihn existiert eine Entmannungsakte. Mit der Einwilligung zu dieser Operation entging er der Psychiatrie auf Lebenszeit.

Dies sind nur zwei Beispiele von vielen Schicksalen, die in den neuen Workshop-Konzepten der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer einfließen. „Wir wollen einzelne Krefelder Opfergruppen anhand von Biografien aufarbeiten“, berichtet Einrichtungsleiterin Sandra Franz. „Im Fokus stehen als erstes die jüdischen Opfer, verfolgte Sinti und Roma und Menschen, die als homosexuell verfolgt wurden.“

Die Materialsammlung über diese Menschen wird als erstes fertig. Bis zum Frühjahr liegen Unterlagen über Zeugen Jehovas, aus politischen Gründen Verhaftete und Euthanasie-Opfer bereit. Franz: „Mit Informationen über diese Schicksale möchten wir unser breites Angebot für Einrichtungen der schulischen und außerschulischen Bildung erweitern.“ Junge Leute der achten Klassen an aufwärts, aber auch Interessierte, beispielsweise aus Jugendzentren, sollen gewonnen werden.

Die Krefelder Historikerin Sabine Reimann und Astrid Hirsch von der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf haben die Unterlagen zusammengetragen und die Unterrichtsmaterialien so entworfen, dass sie für die Bearbeitung aller Opfergruppen vergleichbar sind. Franziska Penski ist freie Mitarbeiterin in der Bildungsarbeit der Dokumentationsstelle und arbeitet mit den Jugendlichen.

Von 1933 bis 1944 wurden viele deutsche Männer allein wegen ihrer Homosexualität verhaftet und in Konzentrationslager gesperrt. Lange Zeit wurde das Thema totgeschwiegen. „Wir arbeiten es auf mit der Kontinuität der Schicksale“, sagt Reimann.

Beachtenswert ist: „Im westlichen Nachkriegsdeutschland wurde der Paragraf 175 in der von den Nationalsozialisten 1935 verschärften Fassung mehr als zwei Jahrzehnte lang bis 1969 angewendet“, berichtet die Historikerin. Dies habe mit dazu beigetragen, dass homosexuelle Männer ein wesentlich unfreieres Leben führen mussten als in der Weimarer Republik. Sie erfuhren eine fortdauernde Kriminalisierung, oftmals wurden mehr Männer verhaftet als zur NS-Zeit.“

Weiteres Beispiel: Die Gruppe der Sinti und Roma wurde schon vor 1933 diskriminiert und verachtet. Reimann: „Ebenso wie die Juden verloren sie durch die Gesetzgebung die deutsche Staatsbürgerschaft.“ Ab Mitte der dreißiger Jahre wurden in vielen Städten Lager eingerichtet, in denen sie interniert wurden und Zwangsarbeit leisten mussten.

Franz: „Wir wollen alle Opfergruppen mit ihrer Geschichte vor und nach der NS-Zeit aufarbeiten und vorstellen. Es ist in dieser Art das erste Mal. Wir wollen aus bekannten Mustern ausbrechen, damit nicht nur immer die Standardführung gebucht wird.“

Für die pädagogischen Angebote wünschen sie die beteiligten Frauen mehr Zeit als nur eine Doppelstunde im Stundenplan. „Drei Stunden wären schön. Wir würden auch in die Klassen und Jugendzentren gehen, mit den Mappen unter dem Arm.“