Nach Schließung des Krefelder Servicecenters - Rentner werden allein gelassen

Nach Schließung des Krefelder Servicecenters - Rentner werden allein gelassen

In Krefeld kommen auf 230.000 Einwohner drei ehrenamtliche Berater. Weder die Stadt noch Rentenversicherung bieten eine Lösung an.

Krefeld. Um zu verdeutlichen, mit welchen Schicksalen er tagtäglich zu tun hat, wählt Jürgen Schmidt einen Beispiel-Fall: Eine 84-jährige ruft weinend bei ihm an, weil sie nicht weiter weiß. Ihr Mann ist vor wenigen Tagen gestorben und sie soll einen Antrag auf Witwenrente stellen. Doch das Krefelder Servicecenter der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Rheinland an der Grenzstraße wurde im vergangenen Jahr geschlossen (die WZ berichtete). Und wegen ihrer Gehbehinderung kommt die Frau nicht nach Mönchengladbach, Duisburg oder Düsseldorf, wo die nächsten DRV-Standorte sind. Also druckt der ehrenamtliche Rentenberater Schmidt den etwa 45 Seiten starken Antrag aus und fährt persönlich von seinem Wohnort Bockum zu der Frau nach Fischeln, spricht mit ihr alles durch, lässt sie unterschreiben und schickt die Unterlagen an die DRV. „Und das alles für einen Unkostenbeitrag von 18 Euro“, sagt er.

Die zweite Geschichte, die er im Gespräch mit der WZ erzählt, ist noch dramatischer: Ein Mann hat unerwartet seine Frau verloren, die beiden schulpflichtigen Kinder stehen ohne Mutter da. „Dieser Mensch muss nun, von Trauer und Existenzängsten geplagt, binnen vier Wochen seine Witwenrente sowie zwei Halbwaisenrenten beantragen“, sagt Jürgen Schmidt. Zweimal ist er vor Ort, um die Familie bei diesem bürokratischen Vorgang zu unterstützen.

Zehn Jahre ist Jürgen Schmidt, der 45 Jahre bei der Barmer im Bereich Sozialversicherung beschäftigt war, als Rentenberater (früher „Versicherungsältester“) in Krefeld aktiv. Doch so eine Situation wie jetzt hat er noch nicht erlebt. Seit die DRV nicht mehr in Krefeld ist, ist die Nachfrage bei ihm explodiert.

Kein Wunder: In ganz Krefeld gibt es drei ehrenamtliche Kollegen. „Früher hatte ich zwei bis drei Anträge im Monat. Jetzt sind es mehr als 60 im Quartal.“ Das Telefon stehe nicht mehr still. Seine Frau frage ihn, den Vorruheständler, bereits, warum er überhaupt aufgehört habe, in seinem alten Job zu arbeiten. „Lange kann ich dieses Pensum nicht mehr aufrechterhalten“, sagt er. Und man merkt ihm an, wie schwer ihm dieser Satz fällt. Denn Schmidt ist ein Typ, der anderen Menschen helfen möchte. Aber nicht, um der DRV quasi „für lau“ die Arbeit abzunehmen. „Die hat Geld und Personal genug“, schimpft er.

Es sei ihm völlig unverständlich, wie sich die Versicherung aus einer Großstadt wie Krefeld, einem „angeblichen Oberzentrum“ mit 230 000 Einwohnern, zurückziehen konnte. „Da platzt mir der Kragen.“ Er kritisiert zudem die schwierige Zusammenarbeit mit der DRV: So habe er keinen Einblick in deren Computer mit den wichtigen Rentendaten. Mit Verweis auf den Datenschutz würden ihm Knüppel zwischen die Beine geworfen. „Ich bin seit mehr als 40 Jahren in der Versicherungsbranche, für mich ist Datenschutz eine Selbstverständlichkeit“, sagt er kopfschüttelnd. Kurz: Die Situation für die Berater und die Ratsuchenden in Krefeld sei katastrophal.

Bereits im vergangenen Spätsommer hatte er sich an die Stadt gewandt, ein Leserbrief an die WZ ging damals auch an Oberbürgermeister Frank Meyer. In dessen Antwort, die unserer Zeitung vorliegt, heißt es unter anderem, dass die DRV ihre Entscheidung über Standort-Schließungen letztendlich in eigener Zuständigkeit treffe: „Eine Einflussnahme der Stadt Krefeld durch die Stadt Krefeld ist hierbei leider nicht gegeben.“ Gleichwohl wolle man auch weiterhin den Kontakt zur Rentenversicherung suchen, „um ein Serviceangebot für Krefelder Bürgerinnen und Bürger auch für die Zukunft zu erhalten“.

Und was ist mit dem Versicherungsamt der Stadt Krefeld, das in solchen Fällen auch helfen kann? „Es ist seit Wochen unbesetzt, da der Mitarbeiter erkrankt und wohl keine Vertretung vorgesehen ist“, so Schmidt. „Was ist das für eine Personalplanung? Hier zieht sich auch die Stadt Krefeld aus ihrer Verantwortung und verweist einfach an die Versichertenberater.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung