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Nach fast 120 Jahren: Krefeld hat wieder eine Pferdebahn

Linn : Nach fast 120 Jahren: Krefeld hat wieder eine Pferdebahn

Die Linner Kutschenfreunde haben einen historischen Wagen nachgebaut. Bei besonderen Gelegenheiten fährt er durch den Stadtteil und auch ganz Krefeld – das nächste Mal am Tulpensonntag.

Der Beförderungstarif hängt eingerahmt an den Stufen, die in den Wagen führen: „Jede Fahrt für die Person kostet 10 Pfennige. Bei den Fahrten nach ¾ 9 Uhr 20 Pfennige. Ein Kind unter 2 Jahren ist frei.“ Dazu ist „kleines Handgepäck“ frei. Das Schild hängt an einer hellen Pferdestraßenbahn — allerdings auf Straßenrädern — die der Krefelder Pferdebahn nachempfunden ist. Letztere wurde um 1900 abgeschafft.

Der Freundeskreis um Peter Winkmann, die „Linner Kutschenfreunde“, haben den Wagen in liebevoller und detailgetreuer Weise nach gebaut. Stolz haben die sechs Männer ihr Gefährt auf der Margaretenstraße vor der Gaststätte Em Kontörke präsentiert; allerdings ohne Zugpferd Milow. Es war zu kalt für ihn. „Aus dem Kontörke und von der Arbeitsgemeinschaft Linner Flachsmarkt kamen Spenden, ebenso von Fachfirmen, deren Namen als Dank auf dem Wagen angebracht sind“, berichtete Winkmann. „Ohne sie hätten wir den Betrag nicht aufbringen können. Da wir viel Eigenleistung erbracht haben, konnten wir ihn auch günstiger als die veranschlagten 20 000 Euro gestalten.“

Die Pferdebahn wird vor etwa 120 Jahren abgeschafft

Ein Foto der Krefelder Pferdebahn um etwa 1895. Foto: Jochmann, Dirk (dj)

Der Grund für den Wagenbau, der rund ein halbes Jahr dauerte: „Wir unternehmen so alle zwei Jahre eine mehrtägige Fahrt durch den schönen Niederrhein nach Weeze“, erzählt Winkmann. Wie es in Linn stets so ist: „Immer unter einem anderen historischen Motto.“ 2011 lautete der überschwängliche erste Tour-Titel: „Mit dem Planwagen nach Amerika.“ Dass das Unternehmen in Weeze endete, kein Problem. 2014 war eine Postkutsche das Transportmittel. „Wir haben sie vom Grefrather Museumsverein Dorenburg geliehen. Das war zwar toll, hatte aber viele Auflagen, wie beispielsweise die Versicherung.“

2016 haben sie Jahrmarktatmosphäre auf die Straße gebracht und sind mit einem Schaustellerwagen auf die Reise gegangen, ganz so, wie es ihn früher auf dem Jahrmarkt gab. 2018 gab es den bisher gefühlten Höhepunkt: „Wir haben ,Schmuggelgut’ in einem Leichenwagen transportiert. Die gestohlenen Gegenstände lagen in der Kiste, haben wir allen erzählt.“ Das Aufsehen an den niederrheinischen Straßen war nicht gering.

Doch dann kam der Einfall: „Wir wollten einen eigenen Wagen haben und forschten in der Geschichte. Schließlich bildete die Straßenbahn in Krefeld seit dem Jahr 1883 das Rückgrat des Öffentlichen Nahverkehrs. Wir haben die Pferdebahn rund 120 Jahre nach ihrer Abschaffung wieder zum Leben erweckt.“ Der einzige Unterschied: Das Gefährt der Kutschenfreunde läuft nicht auf Schienen.

Optisch ist sonst alles dem historischen Vorbild ziemlich ähnlich: Die Maße, die beiden längs der Seiten laufenden glänzenden Bänke aus Eschenholz, Laternen und Glocke – letztere für „Gefahrensituationen“. Es gibt zehn Sitzplätze. Der Wagen wurde auf einen modernen Unterbau gestellt. „Schließlich muss alles den Sicherheitsvorschriften genügen und abgenommen werden, wie ein Pferdewagen.“ Natürlich trägt der Kutscher eine historische Uniform aus der Zeit der Jahrhundertwende, haben die Männer einen Münzwechsler und Billetts der „Crefelder Pferdebahn“ für die „Fahrgäste“ bereit. „Bei uns gibt es nur Holz-, also dritte Klasse.“ Apropos Pferd: Für die nötige PS steht der neun Jahre alte Wallach Milow im Stall von Winkmann.

Das Kaltblut kennt die Strecke schon und absolviert sie in gemächlichem Schritt. Die Passanten an der Strecke kennen das Gespann bereits und die Menschen am Haltepunkt sowieso. „Dann gibt es ein Bierchen und Live-Musik, ein richtiges Programm, aber erst wenn Milow versorgt und abgespannt ist, sicher im Stall steht, bei Wasser und Futter.“

Die Männer freuen sich auf ihre nächste Fahrt, denn nun haben sie den eigenen passenden fahrbaren Untersatz in der Scheune stehen, „ohne Theke und ohne Tisch“, betonen sie. „Das Einzige, was ihnen wirklich noch fehlt, ist ein tolles Motto für die Jungfernfahrt Ende April nach Weeze.“