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Museum als Begegnungsstätte

Museum als Begegnungsstätte

Flüchtlingskinder von vier Schulen haben in einem Projekt des KWM viel über Kunst und Sprache gelernt.

Krefeld. Es fällt Mohamad gar nicht so leicht, exakt die Haltung der stehenden Frauenfigur einzunehmen. Die Armhaltungen der Marmorskulptur „Eva“ von Auguste Rodin (1840-1917) lassen sich nicht auf Anhieb umsetzen. Welches Gefühl drückt diese Körperhaltung aus? Das sollen die Jugendlichen herausfinden und darüber sprechen. Für sie bedeutet diese Aufgabe eine große Herausforderung — und das nicht nur auf sprachlicher Ebene.

Der junge Palästinenser gehört zu der Gruppe von Schülern, die von November 2016 bis Juli 2017 am Projekt „Kreativität, Kultur, Sprache. Integrative Lernwerkstatt in Schule und Museum“ teilgenommen haben. Das Projekt richtet sich an Kinder aus Flüchtlingsfamilien von vier Krefelder Schulen, die in fußläufiger Nähe zum Kaiser-Wilhelm-Museum leben. 80 Kinder und Jugendliche der Prinz-Ferdinand-Hauptschule, Albert-Schweitzer-Realschule, Kurt- Tucholsky-Gesamtschule und des Fichte-Gymnasiums nahmen daran teil und besuchten bis zu zwölfmal das Museum.

Katia Baudin, Leiterin der Kunstmuseen Krefeld, ging es dabei um weit mehr, als „die Museen den Menschen in Krefeld näher zu bringen und nach der Renovierung neue Besucher ins Haus zu ziehen“, wie sie sagt. Museumspädagoge Thomas Janzen erinnert bei der abschließenden Präsentation des Projekts an dessen Anfänge im Jahr 2015. „Müssen, sollen oder ist es unsere Pflicht auf die Flüchtlingskrise zu reagieren? Wie können wir helfen, sich am neuen Ort zu orientieren?“ — diese Fragen beschäftigten auch die Krefelder Museumsleute.

Kindern und Jugendlichen aus aktuellen Krisen- und Kriegsgebieten Hilfestellungen zu geben, in einer neuen Kultur, einer fremden Sprache anzukommen, dazu bot sich mit dem Projekt „Kreativität, Kultur, Sprache. Integrative Lernwerkstatt in Schule und Museum“ eine gute Gelegenheit. Mit finanzieller Förderung durch die Robert Bosch Stiftung ließ sich die Aktion durchführen.

Für viele der teilnehmenden Schüler war dies auch das erste Mal, dass sie ein Museum besucht haben. Die sprachlichen Hürden — noch nicht einmal für eine Beschäftigung mit Kunst, sondern auch für alltägliche Dinge — waren für die jungen Leute enorm. „Alle Schüler waren sehr wissbegierig, da war keiner gelangweilt,“ sagt Sina Müllender, freie Mitarbeiterin des Museums und Kunstvermittlerin. „Allerdings haben wir anfangs zu kompliziert gesprochen. Mit Händen und Füßen ging es dann aber und die Schüler konnten sich teilweise auch untereinander helfen und übersetzen.“

Es klappte mit der Kommunikation, wie einer der teilnehmenden Schüler bestätigt: „Es war super interessant, Meinungen von anderen Leuten zu hören.“ Diskussionsstoff gab es bei der Annäherung an die für die Jugendlichen fremde Kultur reichlich. Auch die „Eva“ von Rodin trug durch ihre Nacktheit dazu bei, so wie die zahlreichen Aktdarstellungen im Museum. Gerade für die Jugendlichen aus muslimisch geprägten Ländern wurden hier große Kulturunterschiede offensichtlich und für die Museumsleiterin und ihr Team entstand die Herausforderung, dies zu erklären und zu vermitteln.

Doch nicht nur Einblicke in die westliche Gedankenwelt und das Erweitern des deutschen Wortschatzes standen auf dem Programm. „Es hat den Schülern besonders gefallen, wenn sie selbst etwas machen konnten. Ganz stolz wurde das dann in der Schule herumgezeigt und auch ausgestellt“, berichtet Helga Loos, Lehrerin an der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule.

Alle Beteiligten sind sich einig, dass das Projekt weitergeführt werden sollte: Man sucht nach weiterer finanzieller Unterstützung für diese integrative Arbeit. Baudin gesteht den Jugendlichen der Abschlusspräsentation des ersten Durchgangs: „Ich hoffe ganz geheim, dass ihr das euren Freunden weiter erzählt: Das KWM ist kein verstaubtes Haus! Und was man da machen kann.“ Das haben Mohamad und seine Freunde gesehen — und sie werden sicher wiederkommen.