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Mitarbeiter pfeifen Siemens was

Mitarbeiter pfeifen Siemens was

Bei der Siemens-Kundgebung in Krefeld gab es Forderungen an die Politik in Berlin.

Krefeld. Es ist 8.30 Uhr und ziemlich frisch. Von weitem hört man schon die Trillerpfeifen. Etwa 550 Siemens-Mitarbeiter und Beschäftigte der DB-Fahrzeuginstandhaltung haben sich am Montag vor der Krefelder Siemens-Zentrale an der Duisburger Straße postiert und positioniert. Viele tragen kleine Plakate mit der Aufschrift „Bahn bewegt Zukunft“. Nach ihrer Auffassung ist es höchste Zeit, dass der Konzern zu der beabsichtigten Fusion mit dem französischen Konkurrenten Alstom konkret Stellung bezieht und Strategien entwickelt, wie dabei und generell in der Bahnindustrie die Jobs erhalten werden können.

Zahlreiche Mitarbeiter, darunter viele Vertrauensleute — allein am Krefelder Standort kümmern sich 80 Vertrauensleute um die Interessen der Arbeitnehmer — waren teilweise mit Bussen angereist. Sie kamen unter anderem von den Siemens-Niederlassungen aus Duisburg, Düsseldorf, Essen und Köln. Eine Abordnung war aus Wegberg-Wildenrath. Die Inschrift auf ihrem Transparent sagte alles: „Wandel ja — aber bitte mit uns!“

„Wir sind schon ein wenig stolz, dass Krefeld als Austragungsort für unsere Kundgebung ausgesucht worden ist“, sagte der Krefelder Betriebsratsvorsitzende von Siemens, Heinz Spörk. Der 59-Jährige aus Gellep-Stratum hatte in Krefeld von der Pike auf in der Bahnindustrie gearbeitet, bereits in der früheren Waggonfabrik vor 45 Jahren mit der Lehre angefangen. Was ihm nicht so gut gefiele, sei die mangelnde Solidarität des Arbeitgebers. „Wir haben die Betriebsleitung ebenfalls dazu eingeladen; das Einzige, was wir darauf per Mail als Antwort erhielten, war, dass die Veranstaltung, während der Arbeitszeit verboten wurde“, sagte ein verärgerter Heinz Spörk auf Nachfrage der WZ.

Zuerst ergriff Jürgen Kerner, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft IG Metall und Aufsichtsratsmitglied der Siemens AG, das Mikrofon. Er sah die vielen Plakate mit einer Ampel auf „Dauerrot“ und meinte: „Dieses Lichtsignal muss endlich mal auf Grün geschaltet werden.“ Strategisch seien die vergangenen vier Jahre verschlafen worden, habe man beinahe widerstandslos — weil ohne eigene Konzeptionen — den chinesischen Zugherstellern die Chance der Ausdehnung gegeben. Dabei sei es heutzutage mehr denn je wichtig, dass man in der Zukunft eine starke Schiene und eine innovative Bahnindustrie brauche. Gerade wegen des Klimaschutzes und der gewollten integrierten Mobilität brauche man dazu mehr denn je deutsche Technologie und Arbeitskraft.

Jürgen Kerner war sich mit dem „Vertrauenskörperleiter“ Jens Köstermann, der danach ans Rednerpult trat, einig: „Wir brauchen endlich einmal in Berlin und in Brüssel feste Ansprechpartner für unsere Industrie.“ Kerner bezeichnete den geplanten Zusammenschluss von Siemens Mobility und Alstom prinzipiell als eine „Vernunftehe“. Diese könne richtungsweisend sein, wenn einige Punkte beachtet würden: so zum Beispiel eine Beschäftigungs- und Standortgarantie für zunächst vier Jahre, die Erarbeitung zukunftsfähiger Standortkonzepte, Zusagen für Investitionen, eine fünfprozentige Ausbildungsquote und der Schutz der Arbeitnehmerinteressen. Die Beschäftigten bräuchten Sicherheit und Perspektiven, statt klein karierter Sparmaßnahmen, um kurzfristig weitere Gewinne zu erzielen.

Weitere kritische Worte an den Konzern kamen von Jens Köstermann. Er kam noch auf die kommende Tarifrunde zu sprechen, nannte das gewünschte Ergebnis aus Sicht der der Metaller: eine Lohnsteigerung von sechs Prozent sowie die Möglichkeit einer verkürzten Vollzeit von 28 Stunden für die Dauer von zwei Jahren. Er rechnet mit ersten Warnstreiks Anfang Januar und machte Werbung, sich als IG Metaller in die Betriebsräte wählen zu lassen.