Mit Rädern in die Selbstständigkeit

Mit Rädern in die Selbstständigkeit

Bei Anstoss lernt ein junger Rumäne die richtigen Handgriffe, um in seiner Heimat eine eigene Werkstatt aufzubauen.

West. Was heißt Fahrradgangschaltung auf Französisch? Dérailleur. Und Reifen? Pneu de vélo. Wenn ein rumänischer und ein deutscher Schrauber gemeinsam in einer Werkstatt arbeiten, kann diese dritte Sprache sehr hilfreich sein. So jedenfalls war es jüngst bei einer Aktion des Krefelder Vereins Anstoss. Zwei Wochen hielt sich Josif Seffer in der Seidenstadt auf. In dieser Zeit lernte der 26 Jahre alte Rumäne bei der Beschäftigungsinitiative, wie man Fahrräder schraubt.

„Ich selbst konnte mich gut mit ihm auf Französisch verständigen“, erzählt Anstoss-Geschäftsführer Markus Lechner, der einige Zeit im Nachbarland verbracht hat. In der Werkstatt habe die Verständigung hauptsächlich mittels der allseits bekannten Hände-und-Füße-Methode funktioniert. Der Leiter der Anstoss-Fahrradabteilung, Ulrich Batenburg, zeigte dem jungen Mann jeden Handgriff, denn er sollte ja gut ausgebildet in die Heimat zurückkehren. Hinzu kamen die genannten französischen Brocken aus der Radbranche, die sich Batenburg zuvor extra aus dem Wörterbuch herausgesucht hatte.

Das nötige Talent war bei dem Besucher ohnehin vorhanden, und auch an Fleiß mangelte es offensichtlich nicht. „Ich will hier so viel wie möglich lernen“, so Josif Seffer, der über die Organisation „Freres Europa“ nach Krefeld gekommen war. „Unter der Woche hat er bei uns geschraubt und am Samstag zusätzlich beim Fahrradladen ,Young Caritas’.“ An der Gerberstraße werden Räder für Flüchtlinge fit gemacht. „Er wollte einfach nicht rumsitzen“, so der Anstoss-Chef.

Inzwischen ist Josif Seffer wieder in seiner Heimat, genauer in Satu Mare, eine Kreisstadt an der Grenze zu Ungarn. „Er hat nach der Heimkehr zwei Tage Pause gemacht - und dann sofort wieder geschraubt“, zeigt sich Markus Lechner beeindruckt. Genug zu tun hat er, war er doch mit einer Lkw-Ladung gebrauchter Räder nach Rumänien gefahren. 30 Stück hatte der Verein Anstoss gespendet.

Bei Emmaus Satu Mare will er eine eigene Fahrradwerkstatt eröffnen. „Für uns ist es eine gute Möglichkeit, Solidarität mit der Emmaus Gemeinschaft in Satu Mare zu zeigen“, sagt der Anstoss-Geschäftsführer. Bei dem Verein handelt es sich um ehemalige Arbeitslose, die „im Geiste von Emmaus“ tätig sind.

Im Sinne dieser Kooperation hatte der Rumäne innerhalb der Krefelder Gemeinschaft übernachtet und wurde von Anstoss mit Taschengeld ausgestattet. Das nötige Werkzeug und eine Grundausstattung für die Werkstatt im Wert von rund 300 Euro finanzierte wiederum Emmaus. Auch die 30 Räder, die man selbst als Spende erhalten habe, bezeichnet Markus Lechner als „Anschubfinanzierung“. Irgendwann, so das Ziel, soll der handwerklich Begabte auf eigenen Beinen stehen können.

Der Emmaus-Verantwortliche von Satu Mare, Jean Philippe, hatte vor Seffers Deutschland-Trip gesagt, er sei der Einzige, dem er zutraue, den Fahrradladen aufzubauen und zu führen. Diesen Vorschusslorbeeren will der 26-Jährige nun natürlich gerecht werden. „Es ist geplant, dass wir im kommenden Jahr eine weitere Fuhre Räder nach Rumänien bringen“, erzählt Lechner. Dann würde er gerne dabei sein. „Ich muss zugeben, dass ich neugierig bin, was er bislang daraus gemacht hat.“

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