Mit einem Ständchen fing es an

Mit einem Ständchen fing es an

Der Frauenchor Hobby-Singers feiert seinen 40. Geburtstag. Die Sängerinnen suchen Nachwuchs.

Fischeln. Entsetzte Augenpaare blicken sich an. Die Sängerinnen wollen gerade zum Konzert ansetzen, doch dann dringt Radiomusik aus den Lautsprechern im Speisesaal eines Krefelder Altenheims. Chorleiterin Annette Boege schaut empört die Heimleiterin an. Die verschwindet, um fünf Minuten später unverrichteter Dinge zurückzukehren. Das Radio werde zentral gesteuert, am Wochenende sei niemand da, um es abzustellen. Da bleibt den Frauen nichts anderes übrig, als wacker gegen die Bundesliga-Berichterstattung anzusingen.

Mit den Hobby-Singers Fischeln erlebt man was. Davon können Gründungsmitglied Johanna Abelen (77) und Tochter Susanne Abelen (55) ein Lied singen. Schon die Gründung des Frauenchores 1977 und ’78 glich einer feministischen Rebellion, erzählen sie. Nun feiert der Chor 40-jähriges Vereinsbestehen. Die beliebte Frauen-Formation genießt heute einen klangvollen Namen im Stadtteil.

Eigentlich wollten die rund zehn gesanglich damals eigentlich wenig ambitionierten Ehefrauen der Sänger des MGV Cäcilia ihren Männern auf deren Jubiläumsfeier zum 100-jährigen Bestehen nur ein Ständchen singen. Doch der Auftritt erhielt eine solche Resonanz, dass sie Lust auf mehr bekamen. Und als die Damen am dritten Tag der Feierlichkeiten im Burghof Gietz von ihren Männern nicht mehr eingeladen wurden, wollten sie sich das nicht bieten lassen: Sie zogen mit etwa fünfzig Frauen in die Gaststätte Schmitten und feierten den ganzen Tag. „Am Abend waren die Männer muffig und wir in bester Stimmung“ erinnert sich Johanna Abelen noch rückblickend belustigt.

Der Entschluss stand damit fest: Unter der Leitung von Irmgard Marx, Gattin des MGV-Dirigenten, gründeten sie als „Gegenbewegung“ die Hobby-Singers. 1978 wählten die Frauen ihren Vorstand, beschlossen eine Satzung und ließen den Verein eintragen. Sie probten damals wie heute im Clemenshaus. Es sollten 40 Jahre voll harmonischer Höhen, aber auch dramatischer Tiefen folgen.

Susanne Abelen, seit 2009 Vorsitzende, ist seit 2003 dabei: „Meine Schwester und ich fanden es schön, wenn Papa und Mama sangen“. Deshalb unterstützten beide das Hobby der Eltern, indem sie bei Feiern Stühle rückten oder kellnerten. Die mittlerweile erste Vorsitzende: „Singen war für mich schon als Kind Balsam für die Seele.“

In eine Krise stürzte der Frauenchor 20 Jahre nach Vereinsgründung wegen interner Unstimmigkeiten. Sie gipfelte in einer Teilung: Seitdem gibt es auch den Singkreis’ 98. Auch Chorleiter Hermann-Josef Rosen, fachlich eine Koryphäe, polarisierte. Zwar holte das Ensemble unter ihm beim Leistungssingen vor dem Sängerbund NRW manche Urkunde, doch hatte es 2003 nur noch elf Mitglieder.

Der Dirigent wollte den Verein auflösen. Die Sängerinnen hielten dagegen, Rosen ging. Es gab einen Neustart mit Chorleiter Michael Schnieders, Christel Brocker als Vorsitzender, Susanne Abelen als Schriftführerin und Johanna Abelen als Notenwart (bis heute). Es hat sich gelohnt: Mutter und Tochter schwärmen von schönen Erlebnissen und der herzlichen Gemeinschaft.

Auch das Repertoire kann sich sehen lassen: Schlager, Pop, Gospel, Volks- und Kirchenlieder. Ein Höhepunkt war ein Auftritt mit Heino. Der kunstblonde Barde ging 1988 zu seinem 50. Geburtstag auf Tournee und machte Station im Seidenweberhaus. Krefelder Chöre konnten sich bewerben, um mit ihm gemeinsam aufzutreten. Der Gesangsverein der Krefelder Bäckerinnung und die Hobby-Singers wurden ausgeguckt. „Heino kam in die Probe, um uns kennenzulernen. Er setzte sich dazu und plauderte ganz charmant,“ erzählt Johanna Abelen. Und weiter: „Deutlich wurde, dass er wirklich eine tolle Stimme hat. Aber auch, dass er eine Perücke trug.“

An eine andere Anekdote erinnert sich ihre Tochter. Einer der Chorleiter, der Name sei hier verschwiegen, ließ die Frauen bei einer Hochzeit sitzen. Chormitglied Susanne Höfer entschied kurzerhand, das Dirigat zu übernehmen. Erst in letzter Minute, vor seinem eigenen Solo, fand sich der Chorleiter dann ein, lacht die Abelen.

Chorfahrten wie zum Drachenfels oder per Schiff nach Nimwegen stärken die Gemeinschaft. Johanna Abelen schwärmt heute noch von einer Reise an den Gardasee, mehr noch - wie die Tochter - von der Wien-Fahrt in diesem Mai zum Jubiläum. Die Sängerinnen traten in der Rektoratskirche St. Peter auf und begleiteten eine Messe. Die Stimmung sei, insbesondere im Heurigen, unglaublich gewesen. An ihren Tisch seien ein finster blickender Akkordeon- und ein Geigenspieler gekommen. Da habe sie auf eine Serviette „Bitte lächeln“ geschrieben und diese hochgehalten. Die Männer lachten und man sang gemeinsam Rheinlieder. „Die Karawane zieht weiter“-singend sei der Frauen-Trupp dann ausgezogen, um im Hotel weiter zu feiern.

Geburtstagswünsche? Beide Abelens hoffen, dass ihre aktuelle Chorleiterin Annette Boege, die aus gesundheitlichen Gründen pausiert, bald wieder dabei ist. Außerdem würden sie sich über Nachwuchs freuen - derzeit liegt das Alter der insgesamt 35 Frauen zwischen rund 30 und 80 Jahren.

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