Mit ehrenamtlicher Arbeit das eigene Wohnquartier lebenswerter machen

Demokratie-Serie : Sich engagieren im eigenen Viertel

Die Urbane Nachbarschaft Samtweberei lebt und arbeitet für das Wohlbefinden aller im Quartier.

Die Nachbarschaft Samtweberei ist sechs Jahre nach ihrem Start ein bundesweit beachtetes Modell für gemeinwohlorientierte Quartiersentwicklung geworden. Initiiert von der Montagsstiftung und unterstützt von der Stadt Krefeld ist laut Geschäftsführer Henry Beierlorzer die ehemalige Textilfabrik an der Lewerentzstraße vor dem Verfall gerettet und inzwischen für acht Millionen Euro als Wohn- und Bürohaus saniert worden. Preise und Auszeichnungen loben die Architektur. Das Besondere dieses unternehmerisch entwickelten Bauvorhabens ist jedoch die gemeinnützige Projektgesellschaft, Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH, die alle Überschüsse aus der Vermietung für die Förderung von Gemeinwohl im Quartier zur Verfügung stellt.

Immobilie erwirtschaftet Geld
für die Projektarbeit

„Die Immobilie ist eigentlich nur Mittel zum Zweck“, sagen Beierlorzer und Monika Adams, die seit vergangenem Februar die Projektleitung übernommen hat. „Das Grundanliegen der Montagsstiftung heißt ein gutes Miteinander und Verantwortung zu übernehmen für sein eigenes Umfeld. Ein demokratischer Grundgedanke, der auch Bundespräsident Frank Steinmeier gefällt. Er und seine Frau Elke Büdenbender besuchten Anfang Februar in Krefeld den Werkstatt-Tag „Demokratie im Quartier“, zu dem die Landeszentrale für politische Bildung eingeladen hatte und sprach mit Menschen aus dem Samtweber-Viertel in der dortigen Shedhalle, dem überdachten Marktplatz der Bewohner.

150 Menschen leben und arbeiten heute dort, wo früher Textilien produziert worden sind. 37 unterschiedlich große Wohnungen sind dort entstanden, im angrenzenden Pionierhaus sind auf fünf Etagen über 60 Gestaltern und Tüftlern, mit Geschäftsleuten und Kulturschaffenden anzutreffen. Ein Haus für 25 Unternehmen und Unternehmungen. „Bei den Vermietungen haben wir inzwischen eine Warteliste, weil wir kaum Fluktuation haben“, berichtet Beierlorzer.

2500 Stunden ehrenamtliche Arbeit kommen zusammen

Das freut den Geschäftsführer und Mann der ersten Stunde besonders. Denn mit allen Mietern sind Viertel-Stunden vereinbart. Das heißt in der Praxis: Für jeden einzelnen Quadratmeter, den jemand von der Urbanen Nachbarschaft Samtweberei anmietet, gibt er im Jahr jeweils eine Stunde ehrenamtliche Arbeit für das Quartier zurück. „Die Bilanz ist wirklich gut“, sagt Beierlorzer. Inzwischen kommen auf diese Art und Weise 2500 ehrenamtliche Stunden zusammen, die dem gesamten Quartier zugute kommen.

Wer sich einen Überblick darüber verschaffen will, der sollte im Internet die informative und umfangreiche Internetseite des Projektes besuchen (www.samtweberviertel.de) oder einen Blick in das 72-Seiten zählende Buch mit dem Titel „Menschen, die machen“ werfen. Darin werden einige von über 100 Gemeinwohl-Projekten, die zwischen 2014 und 2019 auf den Weg gebracht wurden, vorgestellt.

„Wir sind jetzt in einer spannenden Umbruchphase“, erklärt Beierlorzer. Bis zum vergangenen Jahr hatte die Montagsstiftung das Vorhaben finanziell unterstützt und somit auch die personelle Ausstattung ermöglicht. Damit ist seit diesem Jahr Schluss. Ziel ist es, dass die angestoßene Gemeinwohlarbeit immer mehr übergeht an Vereine und Inititiativen aus dem Viertel. „Im Idealfall entsteht ein neuer Träger in Form einer Nachbarschaftsstitung, der die der Allgemeinheit zur Verfügung stehenden Räume wie Shedhalle und Nachbarschaftszimmer im ehemaligen Café Lentz zur Verfügung stellt und die aus Vermietungen erwirtschafteten Überschüsse von 50 000 bis 60 000 Euro an unterstützenswerte Vorhaben im Quartier verteilt. 30 bis 35 Leute haben sich inzwischen zusammengefunden, die diese Vision vorantreiben wollen. „Auch das ist ein demokratischer Prozess.“

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