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Mauerfall: Krefelder erinnert sich an seine Arbeit als Aufbau-Helfer

WZ-Serie : Udo Mühlenhaus: „Als ich zurückgekommen bin, war ich der Ossi“

WZ-Serie: 30 Jahre Mauerfall Krefelder erinnert sich an seine Arbeit als Aufbau-Helfer Anfang der 1990er-Jahre in Beeskow.

An den Tag, der sein berufliches und privates Leben vollständig durcheinandergerüttelt hat, kann sich Udo Mühlenhaus noch genau erinnern. „Ich saß an einem Mittwoch im Büro, da kam der Anruf meines Kollegen aus Beeskow“, erzählt der damalige Sachbearbeiter der Krefelder Stadtkasse. „Udo, hast du Lust, für drei Tage hierhin zu kommen und uns zu unterstützen“, fragte sein Mitarbeiter, der bereits zuvor in den heutigen Landkreis Oder-Spree gewechselt war. Fachleute aus Krefeld halfen wenige Jahre nach dem Mauerfall in dem Partnerkreis, Verwaltungsstrukturen nach westdeutschem Vorbild zu schaffen – Aufbauhilfe Ost.

„Beeskow? Wo ist das denn?“, antwortete Mühlenhaus, ließ sich dann aber von dem überraschenden Amtsstubentausch mit Aufbruch am 10. Mai 1992 überzeugen. „Für drei Tage kannst du das mal machen, habe ich mir gesagt.“ Aus den drei Tagen wurden zwei Wochen, schließlich sechs Monate und am Ende acht Jahre. Acht Jahre, die beruflichen Aufstieg brachten, menschliche Erfahrung, neue Freunde, aber auch Stress, lange Arbeitstage und vor allen Dingen familiäre Entbehrungen. „Ich habe zu Hause mit meiner Frau wochenlang darüber diskutiert“, erzählt der 62-Jährige heute. Nicht zuletzt, weil die Tochter damals zehn Jahre alt war und ihren Vater nur noch selten sehen würde.

Auch ein kompletter Umzug in
den Osten war im Gespräch

Auch wenn der Krefelder sich anfangs immer wieder nach einer aufreibenden Woche auf den Heimweg mit dem Auto machen würde, um dann am Sonntag wieder zu seinem neuen Arbeitsplatz zurückzufahren. 645 Kilometer pro Strecke. „Es deutete sich aber damals schon früh an, dass meine Aufgabe dort langfristig sein würde und es auf Dauer unmöglich gewesen wäre, jedes Wochenende nach Hause zu fahren.“ Später war ein kompletter Ortswechsel der Familie zum Ranziger See im Gespräch. Traumlage mit unverbaubarer Idylle und einem Teil des Gewässers als Eigentum. Allein das finanzielle Risiko mit dem Kauf eines Grundstücks dort wäre zu hoch gewesen.

Lukrativ allerdings war der Arbeitsplatzwechsel für Udo Mühlenhaus, weil er auf der Karriereleiter einen Riesensprung machen konnte. Vom Sachbearbeiter der Krefelder Stadtkasse zum Kassenleiter im alten Kreis Beeskow und nach der Kreisgebietsreform zum stellvertretenden Kassenleiter mit dem Verantwortungsbereich Vollstreckung im Landkreis Oder-Spree. „Diese Aufstiegschance hätte ich hier nie gehabt“, sagt der Beamte.

Bis zu der Entscheidung des Kreistags, drei Mitarbeiter der Stadt Krefeld auch langfristig zu beschäftigen, dauerte es noch bis zum 5. Dezember 1993. Und so galt die Aufmerksamkeit des Krefelders erstmal seinem neuen Lebensumfeld, dass er schon bei seinem ersten Weg nach Herzberg, zehn Kilometer von Beeskow entfernt, zur vorübergehenden Unterkunft im Gasthof Simke zwangsläufig wahrnehmen musste. „Dort gibt es noch heute ein altes Kopfsteinpflaster, dagegen ist das Pflaster in Linn wie ein glatter Kinderpopo.“

Ohne Kohlen im Keller
lief die Heizung nicht

Auch seine spätere Wohnung im ebenfalls in der Nähe liegenden Tauche zeigte so einige Besonderheiten. Insbesondere, als es im November bitterkalt wurde. „Als ich die Thermostate aufdrehte, kam nichts“, erinnert sich Mühlenhaus. Nachbar Heinz klärte ihn auf: „Hast du denn schon Kohlen bestellt?“ Das hatte der Krefelder natürlich nicht, schließlich kam auch heißes Wasser aus der Leitung. Das allerdings wurde mit einem elektrischen Gerät produziert – und nicht mit einer so genannten Forsterheizung. Diese wurde über einen Kasten im Flur geregelt, ohne Kohlen im Keller lief allerdings nichts. Mit einiger Mühe konnte Mühlenhaus noch einen Kohlehändler finden, der ihn belieferte.

Um sich die Zeit abends zu vertreiben, trank er ein Bier in einer der beiden Kneipen des Dorfs. Dort war er erstmal den gestrengen Blicken der Stammgäste als Wessi mit dem KR-Kennzeichen ausgesetzt, das Klischee wurde aber schnell vom Vollstreckerruf abgelöst, indem er mit den Worten begrüßt wurde: „Wir haben alles bezahlt!“

Tatsächlich gab es bislang hinter der Mauer keine Abteilung, die Bußgelder eintrieb. Nicht nur der Aufbau einer Abteilung mit dem entsprechenden Know-how war die Aufgabe von Udo Mühlenhaus. Es musste die Menschen auch psychologisch dort hinführen. „Es gab schließlich kein Verständnis dafür, den Leuten auf die Füße zu treten.“ Bei Pfändungen ging der Mitarbeiter der Krefelder Stadtverwaltung zwar zusammen mit den Kollegen raus, blieb aber im Hintergrund. „Es ging ja darum, meine Mitarbeiter anzulernen. Sie haben schließlich bei Null angefangen.“ Auch entsprechende Formulare mussten eingeführt werden. Ein Online-Portal, um die Gegenstände zu „versilbern“, gab es ebenfalls nicht. „Ich habe mich damals in den Ratssaal gestellt und sie wie in einer Auktion unter den Hammer gebracht.“

Eine Panne, die nicht die Schuld des 62-Jährigen ist, machte damals Schlagzeilen. In einer Doppelhaushälfte wurde der falsche Haushalt gepfändet. Von einem wohlhabenden Mann statt dem betroffenen Bruder nebenan. „Heute kann ich darüber schmunzeln“, sagt er. Damals habe aber der Staatsanwalt beim Landrat auf der Matte gestanden. „Ich konnte nichts dafür, das Einwohnermeldeamt hatte uns die falsche Adresse gegeben.“ Heute sagt der Krefelder, der auch bundesweite Schulungen zu dem Thema macht: „Ich habe niemals so viele Sachpfändungen gehabt wie in Brandenburg.“

Trotz seines anfänglichen Wessi-Images war das Eis schnell gebrochen zwischen dem neuen Fachmann, seinen neuen Mitarbeitern und den Menschen im Landkreis. „Man muss natürlich auch von selbst eine gewissen Offenheit an den Tag legen.“ Grundsätzlich seien die Menschen „sehr freundlich“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Und die Kollegen haben ein fantastisches Engagement an den Tag gelegt. Das war ein tolles Arbeiten.“

Heute ist Udo Mühlenhaus im Fachbereich Immobilien und Flächenmanagement der Krefelder Verwaltung für die Finanzen zuständig. Fast 20 Jahre ist seine Rückkehr nach dem Engagement im Landkreis Oder-Spree her. Doch auch daran erinnert sich der Krefelder noch so, als sei er erst vor wenigen Tagen zurückgekehrt. Insbesondere sprachliche Besonderheiten hatte er mitgenommen und in seinen Wortschatz aufgenommen. Dreiviertel neun beispielsweise für 8.45 Uhr oder Sprüche wie „Kommen sie mal hinten vor!“. Wie ein Fremder sei er deshalb oft an seinem Arbeitsplatz angeschaut worden. „Als ich zurückgekommen bin, war ich der Ossi.“