Linie 041 - Die Krefelder Süd-Route mit dem Nachbar-Bonus

Stadtrundfahrt : Linie 041: Die Süd-Route mit dem Nachbar-Bonus

Stadtrundfahrten mit der Straßenbahn Auf der ersten Tour unserer Serie geht es um „das Dorf“, eine Kultur-Hochburg und die passenden Anschlüsse.

Wenn man morgens in Grundend ankommt und Glück hat, kommt zur Sonne noch ein bisschen Dampf hinzu, der aus der Wiese steigt, auf der ein schwarzes Pferd grast. Es gibt also gute grüne Gründe, mit der Tour Richtung Innenstadt und St. Tönis noch etwas zu warten. Denn ganz in der Nähe beginnt auch der Fischelner Friedhof. Meist ist der Grund für einen Besuch dort ja ein trauriger, aber dennoch beeindrucken einen die Baumalleen vor Ort durchaus.

Die Haltestelle „Grundend“ ist losgelöst von ihrer natürlichen Umgebung noch aus einem anderen Grund ein interessanter Startpunkt für die Stadtrundfahrt mit der Straßenbahn. Der erste Teil der Linie 041 ist einer der jüngsten Abschnitte des Krefelder Bahnnetzes. Der südliche Endpunkt der Linie wurde 1993 hierher verlegt. Am 29. Mai 1994 wurde Grundend dann als Umsteigepunkt zur K-Bahn in Betrieb genommen.

Der Rest ist viel, viel älter: Bereits 1883 fuhren Dampfbahnen der Linie III zwischen der Südseite des Bahnhofs und der Südschule in Fischeln hin und her. Eine Verbindung nach St. Tönis kam Anfang des 20. Jahrhunderts hinzu. Die Bahnen rollten damals allerdings von dort zum Tiergarten beziehungsweise nach Uerdingen. Die Kombination aus dem Fischelner und dem St. Töniser Ast entstand 1938.

Nach dem Start in Grundend geht es in Höhe der Hausnummer 643 auf die Kölner Straße und damit mehr und mehr in den Teil, den die Fischelner „Dorf“ nennen, wenn sie dort hingehen oder -fahren. Für die Bürger dort ist es vermutlich (ähnlich wie für Hülser oder Uerdinger) eine schöne Selbstverständlichkeit, eine so gut besetzte Straße als Zentrum zu haben. Der Stadtrundfahrer, der Krefeld auf diesem Wege kennenlernt, ist aber erstaunt, was es hier noch alles gibt, was in vielen anderen Orten leider verschwunden ist: Bäcker, Schneider, Reisebüro, Parfümerie, Schlüsseldienst, selbst Handyläden haben hier eine andere Güte, als das Wort sonst meistens vermuten lässt.

Mittelpunkt dieses Teils der Strecke ist das Fischelner Rathaus, das einem mit seinem wuchtigen Turm und den beiden Flügeln, die davon im rechten Winkel abgehen, auch beim schnellen Blick aus dem Fenster beeindruckt. Fischeln war Anfang des 20. Jahrhunderts noch eine eigenständige Kommune, deshalb entschied die dortige Ratsversammlung damals, ein neues, repräsentatives Rathaus bauen zu lassen. Am 1. August 1910 wurde das neue Gebäude eröffnet, heute tagt dort unter anderem die Bezirksvertretung Fischeln. Das Rathaus ist noch in einer anderen, einer kuriosen Hinsicht interessant für die Stadtrundfahrt: Es gibt einen Zwillingsbau im Solinger Stadtteil Gräfrath. Bis heute ist unklar, ob das eine Vorbild für das andere war oder der Architekt seine Pläne einfach mehrfach verwertet hat.

Imposante Zwischenstation: Das Fischelner Rathaus an der Kölner Straße. Foto: Dirk Jochmann

Als Fischeln 1929 eingemeindet wurde, war die Grenze zur Stadt noch klar erkennbar, heute ist alles bebaut und der Übergang nahtlos. Aus der Bahn sieht man ein paar schöne Fassaden, das legendäre Bowling-Center Bode und einige der Gründe dafür, dass Gisela Brendle-Vierke, Bürgermeisterin des Stadtbezirks Süd, von eben diesem Bezirk mit einer langen Liste schwärmt. Der Süden ist sowohl Krankenhaus-Standort (das zeigt sich unter anderem durch die Haltestelle „Klinikum“) als auch eine Kultur-Hochburg. Von der letzten Haltestelle vor dem Hauptbahnhof geht es rechts in die Virchowstraße zur Fabrik Heeder. Die beheimatet unter anderem das Kresch-Thater, das ein kluges Programm für Kinder und Jugendliche entwickelt. Nur wenige Meter weiter in die eine beziehungsweise andere Richtung stehen im Südbahnhof und im Theater hintenlinks weitere Bühne, die Kultur aus den Rubriken „Geheimtipp“ und „Entdeckungen“ bieten.

Kulturzentrum an der Strecke: In der Fabrik Heeder ist das Kresch-Theater beheimatet. Foto: Bischof, Andreas (abi)

Der Streckenabschnitt zwischen Hauptbahnhof und Rheinstraße wirkt wie die Inspiration zu dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ und wird in unserer Serie noch näher betrachtet, wenn es um die Linie 043 geht. Unsere Stadtrundfahrt mit der 041 geht hinter der Rheinstraße zunächst mit Kultur weiter. Die Haltestelle „Friedrichstraße“ ist die Verbindung zu Theater, Mediothek und Seidenweberhaus, in dem die Niederrheinischen Sinfoniker eine ihrer Spielstätten haben und in dem viele Kabarettisten gastieren.

Die Bahn kommt jetzt wieder schneller voran, so dass wir froh sind, dass der Stadtgarten eine eigene Station hat. Die Grünanlage ist zwar die größte ihrer Art in der Innenstadt, aber man muss sie trotzdem erstmal bemerken, um sie für einen Spaziergang zu entdecken. Die Geschichte des Stadtgartens reicht mehr als 200 Jahre zurück, folglich stehen rechts und links der vielen Wege, die wie ein Netz auf Rasen aussehen, mehrstämmige Flügelnussbäume, ein mächtiger Bergahorn und sogar Zedern.

Stopp mit schönem altem Baumbestand: der Stadtgarten. Foto: Bischof, Andreas (abi)

Zurück in der Bahn geht es durch industriell und gewerblich geprägte Gegenden, sehr plötzlich wird es ländlich. Die Haltestelle „Oberbenrad“ liegt nur wenige Meter vom Benrader Obsthof entfernt. Die riesige Erdbeere am Eingang deutet bereits an, dass es hier im Hofladen frisches Obst zu kaufen gibt. Aktuell werden Äpfel und Pflaumen beworben, außerdem kriegt man Fleisch, Suppen, Brot und Kuchen.

Der Hofladen in Benrad verkauft unter anderem jede Menge frisches Obst. Foto: Dirk Jochmann

Als einzige der hiesigen Linien verlässt die 041 das Krefelder Stadtgebiet, Bonus der Rundfahrt ist deshalb ein Besuch bei den Nachbarn in St. Tönis. Das schließt den Kreis ganz wunderbar, weil auch die letzte Station, der Wilhelmplatz, eine Umsteige-Haltestelle ist. Wenige Meter von der 041 verweist ein weißes Schild auf das andere Verkehrsmittel: Dort startet der Schluff, die historische Dampfeisenbahn.

Die Tour endet am Wilhelmplatz in St. Tönis. Foto: Dirk Jochmann
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