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Krefeld: Lernwerkstatt: Wenn 3 plus 3 zum Problem wird

Krefeld : Lernwerkstatt: Wenn 3 plus 3 zum Problem wird

Die Lernwerkstatt fördert seit Jahren Kinder mit Lese- Rechtschreib- und Rechenschwäche.

Krefeld. Ein Zehn-Euro-Schein, daneben ein Haufen mit zehn Ein-Euro-Stücken. Wenn es Taschengeld gibt und sie vor die Wahl gestellt würde, Wyona würde zu den Münzen greifen. Warum? Es ist mehr Geld, ganz klar.

Das fehlende Verständnis der Neunjährigen für Zahlenzusammenhänge und Mengen hat einen Namen: Dyskalkulie. Gut drei Prozent der Kinder bundesweit haben eine solche Rechenschwäche — „wenn man davon ausgeht, dass im Schnitt 30 Kinder eine Klasse besuchen, dann sitzt in jeder Klasse ein Kind mit diesem Problem“, rechnet Thomas Brück vor. Vor zehn Jahren hat der Sozialpädagoge des Psychologischen Dienstes Krefeld die Lernwerkstatt mitgegründet, in der er und seine Kollegin Birgit Ogger heute gemeinsam mit einem Team aus acht Psychologen, Referendaren, Ergo- und Lerntherapeuten Kinder mit Rechen- oder Lese-Rechtschreib-Schwäche (LSR) fördern.

Auf dem Tisch vor Wyona steht ein Eierkarton. Statt Eiern liegen zehn rote Holzkugeln in jeder einzelnen Vertiefung. Sozialpädagogin Birgit Ogger nimmt zwei heraus — „wie viele sind jetzt noch da?“ Wyona kneift die Augen zusammen. Sie muss sich konzentrieren. „Acht.“ Ogger nickt, „gut gemacht“. Eine ihrer Aufgaben sei es, „besonders einfühlsam zu erklären“, sagt die Sozialpädagogin.

Birgit Ogger, Sozialpädagogin

Denn in einem schulischen Umfeld, in dem häufig das Verständnis dafür fehle, warum ein Kind einfach nicht versteht, dass die Summe aus drei plus drei eben sechs ist, sei Frustration und eine Einschränkung des Selbstwertgefühls häufig die Konsequenz — „in fast allen Lebensbereichen und zwar ein Leben lang“. „In der Lernwerkstatt wollen wir den Kindern das Gefühl vermitteln, dass sie ernstgenommen werden“, betont Ogger. Kinder, die hier Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, seien arm oder reich, dick oder dünn, auf unterschiedliche Weise begabt — „aber nicht dumm. Bei der Dyskalkulie etwa ist der Unterschied zwischen Rechenleistung und Intelligenz eklatant hoch.“

Die Lernwerkstatt ist weit weg vom Alltag im Klassenraum. Es gibt kein Vorrechnen an der Tafel, kein Buchstabieren, keine Vorlesewettbewerbe. Hier wird mit allen Sinnen, spielerisch in wöchentlichen Einzelstunden gelernt: mit Fingern und Würfeln, Silben werden klatschend getrennt, das kleine Einmaleins auf dem Trampolin gehüpft. Und: „Die Kinder sind hier nicht die einzigen, die Fragen beantworten müssen“, erklärt Ogger, „wir spielen mit.“ Alle nach den selben Regeln.

Wenn man Thomas Brück fragt, was Dyskalkulie oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche sind, lautet seine Antwort: „Beides ist keine ansteckende Krankheit.“ Das erklärt der Sozialpädagoge manchmal Eltern schmunzelnd, die die Erklärung für die Schwäche ihres Kindes darin suchen, dass „sie selbst auch nie gut Rechnen konnten“. Für Brück ist beides schlicht „ein Missverständnis“. „Was nicht heißt, dass der Lehrer schlecht ist“, fügt er hinzu. „Und beides ist therapierbar.“

Die Aufgabe der Lernwerkstatt sei es aber nicht, „wild darauf los zu fördern“, betont Kollegin Birgit Ogger. Vor jeder Therapie stehe deshalb ein Einzelgespräch und ein Testverfahren. „Wir schauen, wo ist das Kind stehen geblieben und was kann es? Da setzen wir an.“

Wyona habe in den vergangenen zehn Monaten große Fortschritte gemacht, sagt Ogger und Wyonas Mutter nickt. „Dass irgendetwas mit meiner Tochter nicht stimmt“, sei ihr schon kurz nach deren Einschulung aufgefallen, erinnert sich Diana Fontaine. Eben auch am fehlenden Verständnis für die Menge von Geld, wenn es um die Einteilung des Taschengeldes ging. „Bei allem Üben und Erklären zuhause bin ich als Mutter irgendwann an meine Grenzen gestoßen“, sagt Fontaine.

Spätestens als ihre Tochter die Türen zuknallte und weinte, wenn sie ihre Mathehausaufgaben machen sollte oder lieber mit Bauchschmerzen zuhause blieb, statt in die Schule zu gehen. Dass anstelle eines lachenden Smileys — wie in den anderen Fächern — in Mathe immer nur einer mit traurig nach unten gezogenen Mundwinkeln von Wyonas Zeugnis starrte, machte nichts besser. Heute wiederholt das neunjährige Mädchen die dritte Klasse, ist viel selbstbewusster als noch vor einem Jahr. „Jetzt schreiben die anderen von ihr ab“, erzählt ihre Mutter stolz.

Erfolge, die das Team der Lernwerkstatt in ihrer Arbeit, fern von dem Ziel Mathe- oder Rechtschreib-Genies hervorzubringen, bestätigen. „Lesen und Rechnen sind die Schlüsselkompetenzen des schulischen Lernens“, sagt Thomas Brück. Ohne diese Kompetenzen blieben individuelle Fähigkeiten und Talente dieser Kinder oft unterentwickelt — genau wie ohne spezielle Förderung die Chance, diese Schwäche zu überwinden.