Lernwerkstatt des Psychologischen Dienstes hilft derzeit 55 Kindern

Lernwerkstatt: Wenn Kinder nicht lesen können

Förderverein hilft Lernwerkstatt des Psychologischen Dienstes beim Kampf gegen Lese- und Rechenschwäche.

Die offiziellen Zahlen sind erschreckend: 2,3 Millionen Erwachsene in Deutschland sind absolute Analphabeten. Um ihnen das Lesen und Schreiben beizubringen, müssten nach Schätzungen 50 Milliarden Euro aufgebracht werden. „Erwachsenenbildung ist teuer. Die Logik daraus: Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwächen sollten so früh wie möglich entdeckt und die Kinder dann gefördert werden“, sagt dazu Thomas Aigner, Leiter des Psychologischen Dienstes in Krefeld. Genau darum kümmert sich die Lernwerkstatt der städtischen Einrichtung seit August 2006. Unterstützt wird sie darin seit zehn Jahren von einem eigenen Förderverein.

Zwei Mitarbeiterinnen begannen 2006 mit der Förderung der Kinder. Doch schon zwei Jahre später war klar, dass die Nachfrage so groß ist, dass die Lernwerkstatt alleine diese nicht bewältigen kann. Zwölf Eltern, Mitarbeiter des Psychologischen Dienstes und engagierte Krefelder Bürger – acht davon sind bis heute dabei – gründeten deshalb den Förderverein. „Ab sofort waren eine flexiblere Einstellung von Honorarkräften, eine einfachere Finanzierung von Personal- und Sachkosten sowie die Annahme von Spenden möglich“, blickt Vorsitzender Ingolf Meinhardt aus Anlass des Vereinsjubiläums zurück.

Einzelförderung ist
besonders wichtig

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass jeweils zwischen vier und sechs Prozent aller Kinder unter Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) und Rechenschwäche (Dyskalkulie) leiden. „Das ist je ein Kind pro Klasse. In Krefeld kommen wir so auf fast 800 betroffene Kinder“, verdeutlicht Meinhardt.

Die Förderungen in Kleingruppen, wie sie in Grundschulen angeboten werden, reiche oft nicht aus. Notwendig sei vielmehr eine spezielle Lerntherapie in Einzelförderung. Erfahrungswerte gehen von einer Therapiedauer von mindestens eineinhalb Jahren für Dyskalkulie und zwischen einem halben und drei Jahren für Legasthenie aus.

Die Entwicklung der Lernwerkstatt zeigt, dass die Akzeptanz in der Krefelder Bevölkerung für ihre Arbeit steigt: Kümmerte sich 2008 noch eine Förderkraft um sieben Kinder, waren es 2012 schon fünf Förderkräfte für 15 Kinder. Daraus sind bis 2017 neun Förderkräfte geworden, die 55 Kinder unterrichten. Von denen haben 35 Prozent einen Migrationshintergrund. 955 Förderstunden kamen insgesamt zusammen. Die Finanzierung erfolgt zumeist über Elternbeiträge. Sechs Kinder wurden 2017 mit Hilfe des Vereins aber auch ohne Vergütung gefördert.

Unterricht gibt es
unter anderem im Behnischhaus

Immer schwieriger wird es nach Auskunft von Mathilde Geisler-Brück vom Psychologischen Dienst, Termine für den Förderunterricht zu finden. Er findet zumeist nachmittags in den Räumen der Einrichtung im Behnischhaus sowie im ehemaligen Sekretariat der alten Lewerentzschule statt. Durch den zunehmenden Ganztagsunterricht an den Schulen und die entsprechend nach hinten verlagerten Vereinsaktivitäten der Schüler kam so schon vor zwei Jahren der Gedanke auf, mit der Förderung direkt in die Schulen hinein zu gehen. Gleichzeitig können dort Legasthenie und Dyskalkulie möglichst früh bekämpft werden.

Der Förderverein (31 Mitglieder) hat somit 2017 mit einem entsprechenden Projekt begonnen: Zwei Lerntherapeuten gehen dafür in die Mariannenschule und die Mosaikschule  hinein, um ihre Maßnahmen verstärkt in den Schulbetrieb zu integrieren. Damit werde die Freizeit der Kinder nicht belastet, und es würden unnötige Anfahrtswege vermieden. Gleichzeitig sollen die Lehrkräfte qualifiziert werden, um im Schulalltag die Schwächen früher zu erkennen.

Die Mittel für dieses Projekt sind bis Ende des Jahres bewilligt. „Es wird mit Unterstützung der Stadt aber zu 99 Prozent weitergeführt“, berichtet Thomas Brück, der sich beim Psychologischen Dienst um Kinder mit Rechenschwäche kümmert.

Der Verein sucht
Förderkräfte und neue Räume

Wie kommt es zu Problemen mit dem Lesen oder Rechnen? Dafür gibt es laut Thomas Aigner verschiedene Gründe. Der Beziehungsaspekt ist dabei besonders wichtig: Wenn das Kind zum Beispiel sehe, dass der Papa liest, dann lese es auch selbst. Wenn umgekehrt die Eltern voll mit Beruf und Haushalt beschäftigt sind, fehle die Zeit, sich mit den Kindern einmal in Ruhe hinzusetzen. Wichtig in den Förderstunden sind laut Meinhardt persönliche Ansprache und hohe Fachlichkeit.

Für die weitere Arbeit sucht der Verein neue Förderkräfte und neue Räume, um mit den Kindern konzentriert und ungestört arbeiten zu können. Sie sollen möglichst pädagogische Erfahrungen haben – angefangen von Studenten bis hin zu pensionierten Lehrkräften. Interessenten können sich beim Psychologischen Dienst (Tel. 3632 670) melden.

Mehr von Westdeutsche Zeitung