Lebendige Tradition: 150 Jahre Krefelder Eisenbahn

Lebendige Tradition: 150 Jahre Krefelder Eisenbahn

Heute ist der Schluff ein Wahrzeichen der Stadt. Gebaut wurde die Linie allerdings, um die Stadt besser anzuschließen.

Nord. Gerade war der spätere Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck Kanzler des Norddeutschen Bundes und der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871 noch Jahre entfernt, da gründete sich im Jahre 1868, vor 150 Jahren also, die Crefeld-Kreis Kempener Industriebahn (CKKIB). Interessanterweise mit englischem Kapital.

Foto: Stadtarchiv

Die nähere Umgebung sollte an mehrere Eisenbahnlinien angebunden werden. Einmal bestand Bedarf, den wachsenden Berufsverkehr aus dem Umland an das Zentrum der deutschen Samt- und Seidenproduktion anzuschließen. Zum anderen sollten landwirtschaftliche Produkte und Erzeugnisse der örtlichen Industrie im einstigen Kreis Kempen befördert werden. Aus dem Moerser Kohlenrevier wollte man Brennstoff heranschaffen.

Zwei Jahre nach Gründung führt die erste Linie 1870 von Hüls Richtung Südbahnhof. Über Krefeld-Nord und Krefeld-West. Am Südbahnhof, an der Saumstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs, wurde kurz drauf die Richtung gewechselt. Es ging über St. Tönis und Süchteln nach Viersen. Doch obwohl vor allem der Personenverkehr gute Erträge erbrachte, geriet die Gesellschaft CKKIB in Schwierigkeiten und machte 1874 Konkurs. Nur einige Streckenteile wurden weiter bedient.

Im Jahre 1880 wurden Strecken und Fahrzeuge von einem Frankfurter Bankhaus übernommen und der Betrieb auf den meisten Strecken wieder aufgenommen. Die Bahn firmierte jetzt unter Crefelder Eisenbahn-Gesellschaft. Schon 1881 wurde die Strecke von Hüls nach Niep und 1882 weiter bis Moers eröffnet. Jetzt konnte der Kohlentransport aus den Moerser Gruben Richtung Krefeld erfolgen.

Das größte Ereignis war 1902 der Sonderzug für Kaiser Wilhelm und die Kaiserin, der von Moers kommend zum Nordbahnhof führte. Bis zum Ersten Weltkrieg blühte die Gesellschaft auf. Der Schluff stellte, wie Spediteur Peter Goebel einst berichtete, „eine gute, mitunter sogar einzige Verbindung zwischen der im wahrsten Sinne des Wortes hungernden Krefelder Bevölkerung und den Landkreisen her, wo Kappes und Kartoffeln wuchsen“.

Am 1. Januar 1933 erfolgte die Vereinigung mit der Krefelder Verkehrs-AG, die Straßenbahnen und Busse betrieb. Der Personenverkehr der Eisenbahn wurde deshalb eingeschränkt, aber im Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen. Mit dem Näherrücken der Front 1944/45 diente die Bahnstrecke auch militärischen Erfordernissen.

Nach dem Krieg fuhr die Bahn wieder. Mancher erinnert sich noch an die „Hamsterzüge“. Ab 1951 versah die Crefelder Eisenbahn nur noch den Güterverkehr, der immer mehr zum Erliegen kam, die Aktivitäten gingen zu Ende. Zum Hundertjährigen im Jahre 1968 gab es eine Ausstellung und man bot Ausflugsfahrten an. Diese wurden immer beliebter. Ab 1980 bedient man im Sommer die Strecke St. Tönis - Krefeld-Nord - Hüls - Hülser Berg, 13,6 Kilometer lang. Die zugekauften Waggons werden fast ausschließlich von historischen Dampfloks gezogen.

Die Lok „Graf Bismarck XV“ (Baujahr 1947), die ursprünglich in der Zeche Bismarck in Gelsenkirchen im Einsatz war, ist mittlerweile zum rollenden Denkmal erklärt worden und ein echtes Wahrzeichen Krefelds.

Der Name „Schluff“ erinnert an das zischende Geräusch der Lok, das dem einer schlurfenden Pantoffel — auf niederrheinisch „Schluffe“ — ähnlich ist. Bis heute hat sich rund um den Schluff eine lebendige Tradition entwickelt und erhalten.

Mehr von Westdeutsche Zeitung