Krefeld: Kurdin zeichnet Bild von Gewalt

Krefeld : Kurdin zeichnet Bild von Gewalt

Fabrik Heeder: Eine Lehrerin berichtet von erschütternden Zuständen in ihrer Heimat, der Türkei.

Krefeld. Ihr eigenes Schicksal wollte Sakine Esen Yilmaz erst ganz zum Schluss schildern. Dabei hätten die Ereignisse um die angedrohte 22-jährige Haft der kurdischen Lehrerin und ehemaligen Generalsekretärin der Bildungsgewerkschaft Egitim-Sen und ihre Flucht nach Deutschland allein schon für einen abendfüllenden Vortrag gereicht. Wichtiger erschien ihr aber, den vielen Besuchern der DGB-Veranstaltung in der Fabrik Heeder die erschütternden Zustände in der Türkei zu schildern, die dort seit dem Putschversuch am 15. Juli herrschen. Dazu hatte sie Fotos mitgebracht, um Leid und Zerstörung zu dokumentieren. „In der Türkei herrscht ein interner Krieg — nicht nur gegen Kurden, sondern gegen alle demokratischen Kräfte“, sagt sie.

Gebannt lauschen die Besucher ihren türkischen Worten, die eine Übersetzerin weitergibt. Yilmaz berichtet von einer Eskalation der Gewalt, nennt zwei junge Lehrerinnen mit Namen, die umgebracht worden seien, um Angst zu erzeugen. Sie spricht von Übergriffen der staatlichen Sicherheitskräfte und von Leichen, die öffentlich geschändet wurden. Speziell die Kurden würden verfolgt. In einem Keller — Yilmaz zeigt ein Foto — seien Kurden bewusst vor den Augen anderer umgebracht worden.

Allein in der Stadt Cizre habe man 7000 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben und in einer Zeltstadt untergebracht. Kürzlich hätten sie die Zelte verlassen müssen und seien aufgefordert worden, in den Irak umzusiedeln. „In den kurdischen Städten hat der innere Krieg eine neue Dimension erreicht.“ Der Krieg mache auch vor Kindern und Frauen nicht halt, sagt sie.

Schon im Jahr vor dem Putsch habe die Verfolgung von Oppositionellen begonnen, berichtet Yilmaz. Der Putsch sei nur ein willkommener Anlass gewesen, um gegen alle, die gegen die AKP seien, vorgehen zu können. Sie geht sogar noch weiter. Die türkische Regierung habe von dem Putsch gewusst und ihn nicht verhindert. Vielmehr habe sie nur darauf gewartet. Davon zeugten die fertigen Namenslisten mit Gegnern, deren Festnahme schon am Tag danach begann. Zehntausende Beamte und Wissenschaftler seien inzwischen festgenommen oder suspendiert worden, 146 Medien dicht gemacht worden und 37 Kommunen würden zwangsverwaltet.

Die Folge von Willkür und Verfolgung sei eine Spaltung des Volkes, sagt Yilmaz. Dank des Ausnahmezustands könne Erdogan die demokratischen Rechte konsequent beschneiden. Das Verfassungsgericht sei ausgeschaltet. Angeklagte dürften nach ihrer Festnahme fünf Tage lang nicht mit ihrem Anwalt sprechen. Die Gespräche zwischen Verteidiger und Mandant könnten sogar aufgezeichnet werden.

Gerade noch rechtzeitig vor ihrer Verhaftung konnte Yilmaz im April fliehen. Ihr wird vorgeworfen, Prospekte verteilt und als Gewerkschafterin für Kurdischunterricht an Schulen eingetreten zu sein. 285 Gewerkschaftsmitglieder einschließlich ihres Ehemanns seien suspendiert worden. Auf die Frage von Zuhörern, welche Lösung sie für die Türkei sehe, antwortet sie: „Wir brauchen eine organisierte Friedensbewegung.“ Und sie bleibt optimistisch: „Keine Diktatur dauert ewig.“