Zäsuren, wo es fließen sollte

Zäsuren, wo es fließen sollte

Die Pianistin Maria Tretyakova verstört mit einer eigenwilligen Interpretation.

Krefeld. Es ist befremdlich, wie Maria Tretyakova diese Beethoven-Sonate beim Kawai-Konzert beginnt. Sie scheint die Melodiebögen zu sezieren, nach gefühlten zwei, drei Takten erfolgt jeweils eine Zäsur. Ein Fluss will in das Allegro assai der Sonate für Klavier Nr. 23 f-moll nicht kommen. Man möchte die russische Pianistin aufmuntern, doch endlich „loszulegen“ und Beethovens Satzbezeichnung umzusetzen.

Im zweiten Satz, einem Andante con moto, lassen sich die lyrischen, teils verspielten Elemente ohne die störenden Einschnitte erleben.

Vertrautes darf man bei Peter Tschaikowskys „Nussknacker“ erwarten, den Tretyakova in der von Mikhail Pletnev 1978 arrangierten Form als Konzertsuite für Klavier spielt. Doch schnell wird deutlich, dass man sich von den bekannten Klängen und Tongemälden, die das Original in seiner Orchesterfassung bietet, verabschieden sollte.

Der einleitende Marsch ertönt teilweise irritierend unrhythmisch. Es erhebt sich die Frage, wer sich da von der Vorlage der Ballettmusik entfernt und viel künstlerische Freiheit herausnimmt: der Arrangeur oder die Interpretin?

Es folgt eine hölzern daherstacksende Zuckerfee in ihrem Feenreigen, und die Tarantella, die eigentlich als schneller Volkstanz aus dem Süden Italiens bekannt ist, wird an diesem Abend zu einem monumentalen Opus, dem das Temperament und die Leichtfüßigkeit eher abgehen.

Chinesische Atmosphäre vermag Tretyakova dem Flügel auch nicht zu entlocken; die Klangfarben des Exotischen aus dem Fernen Osten, wie sie das Ballett unverkennbar bietet, kommen nicht — recht plump im Unterschied zur Orchesterfassung tanzen hier ihre Chinesen. In den Corelli Variationen (op. 42) von Sergei Rachmaninow tauchen wieder die merkwürdigen Zäsuren auf. Ihr Spiel klingt wie eine Serie von Ausrufezeichen — nicht dass damit jeweils eine vollständige Variation gemeint wäre! Ihre Auswahl von Stücken aus den Préludes op. 32 und op. 23 von Rachmaninow zeigen lichte Momente, doch zu oft fragt man sich, was hat die Interpretation mit der Satzbezeichnung zu tun?

Kein Zweifel, dass es der jungen Pianistin, die schon eine respektable Liste von internationalen Auftritten vorweisen kann, nicht an technischem Vermögen fehlt, aber am Freitagabend beim Kawai-Konzert hatte sie wohl einen schlechten Abend.