Musiktheater: Wie der Brexit zur leichtfüßigen Operette wird

Musiktheater : Wie der Brexit zur leichtfüßigen Operette wird

Die Produktion „Let´s Stop Brexit! – Keep Calm and Drink Tea“ kam nun auch nach Krefeld. Doch konnten der Stoff und die Inszenierung zünden?

Wenn man etwas böse sein möchte, könnte man sagen, dass das, was zurzeit rund mit dem Brexit passiert, ob im, um oder drumherum, ob medial oder ganz real im britischen Parlament, bisweilen satirischer und auf eine gewisse bittere Art zugespitzter ist als die Musikrevue „Let´s Stop Brexit! – Keep Calm and Drink Tea“ des Theaters Krefeld und Mönchengladbach. Indes ist die Produktion von Ulrich Proschka mit Musik von Arthur Sullivan zweifelsohne viel charmanter.

Als die Inszenierung, die aus aktuellem Zeitgeist heraus in kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde, in Mönchengladbach uraufgeführt wurde, standen die politischen Uhren noch etwas anders, die Personage war eine andere, und Hoffnungen, dass die Geschichte um den Austritt Großbritanniens aus der EU zumindest eindeutig und zügig vonstattengehen würde, konnte man noch irgendwie aufrechterhalten. Inzwischen ist alles noch viel komplizierter und der Brexit mausert sich zu einer neverending Story. Auch eine gewisse Gewöhnung an die immer absurder werdenden Nachrichten aus London mag bei manchen eingetreten sein. Der Effekt des Neuen und Reizvollen geht mit zunehmender Wiederholung flöten und satirisch anzudocken wird angestrengter. Unter diesen Vorzeichen ist die Premiere – streng genommen eine Wiederaufnahme der Mönchengladbacher Produktion am Krefelder Haus des Gemeinschaftstheaters – ein bisschen aus der Zeit gefallen und von der Realität konterkariert worden.

Die Produktion spielt charmant mit den Mitteln der Operette

Miss Cripps (Debra Hays) ist Bedienung im Pub und sieht Premierministerin May zum Verwechseln ähnlich. Der Plan: Sie soll als May-Double eine Rede gegen den Brexit halten. Doch die beiden Abgeordneten müssen viel Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich gelingt es ihnen doch. Foto: Matthias Stutte/© Matthias Stutte

Doch gute Operette – und das ist diese Produktion, die eklektisch die Tradition englischer komischer Oper, mit etwas seichten aber sehr humorigen neu gedichteten Texten Proschkas vermengt und eine nicht weniger operettenhafte Geschichte schmelzt – funktioniert immer, auch wenn sie Ereignisse spiegelt, die nicht mehr eins zu eins unsere Alltagswirklichkeit sind. Dabei ist die Story um zwei Abgeordnete (Markus Heinrich, Matthias Wippich), die den Brexit verhindern wollen und die Lösung darin finden, die echte Premierministerin (Debra Hays) durch ein Double, das sie als Bedienung in einer abgerockten Kneipe entdecken, zu ersetzen und diese in einer Rede ein Plädoyer gegen den Brexit halten lassen wollen, an sich schon ein herrlicher Spaß; ein Spaß, der den üblichen Geschichten in durchaus großen Teilen von Musiktheater nichts nachsteht. Dazu passt auch die Assistentin Mays, Mabel Stanley (Gabriela Kuhn), die heimlich in den Abgeordneten Matthew Plainbrooke verliebt ist, der wiederum seine Liebe ihr nicht traut, zu gestehen – natürlich nur bis zum schmalzigen Happy-End dieses Nebenstrangs.

Die Instrumentalisten spielen mit einem Schuss Augenzwinkern

May hat eine Leidenschaft für Schuhe – die in ihrem „Arbeitszimmer“ verwahrt werden. Aus diesem Fundus wird Cripps (2.v.l.) angekleidet und soll die Rede halten. May wird in ihr Arbeitszimmer gesperrt. Hilfe gibt es dabei von Mabel Stanley (Gabriela Kuhn), die zudem in Plainbrooke und vice versa verliebt ist. Foto: Matthias Stutte/© Matthias Stutte

Musiktheater changierte immer schon als Mischwesen zwischen gut gemachter – kunstvoller – Unterhaltung und wahrhaftiger Kunst, die ästhetisch herausfordern möchte und nicht nur in Musik und Sprache, sondern auch in der Inszenierung den Anforderungen an künstlerischen Anspruch gerecht wird. Wie man dies jeweils zu beurteilen hat, ist eine allzu lange Geschichte und muss fallweise auch mit Blick auf zeitgeschichtlichen Kontext eruiert werden. „Let´s Stop Brexit!“ mit seiner Leichtigkeit, die eigentlich niemanden wirklich weh tut und Elemente aus dem Boulevardtheater mit den nicht minder aus dem breiten Fundus der populären Einfachheit schöpfenden Musik Sullivans mischt, stellt sich geradeheraus gar nicht erst die Frage nach ästhetischem Gewicht. Proschkas Produktion will unterhalten und die losen Fäden zur politischen Aktualität zu einem warmherzigen Genrebildchen britischer Skurrilität zusammenziehen. Dass dabei Klischees genauso ihren Platz finden wie der eine oder andere etwas abgenutzte Wortwitz, ist aus dem Selbstverständnis der Inszenierung heraus absolut verkraftbar.

Zu diesem unausgesprochenen und mitzudenkenden Selbstverständnis gehört auch die in vielen Nuancen an gutes altes Provinztheater erinnernde klangliche Umsetzung, mit einem kleinen Ensemble, das bewusst etwas altväterlich die Melodien der Gassenhauer unter der musikalischen Leitung von Yorgos Ziavras zum Besten gibt. Mit einem tüchtigen Schuss Augenzwinkern spielen die Musiker der Niederrheinischen Sinfoniker, glänzen aber leider nicht durchweg mit feurigem Esprit, den sie sonst doch gerne mal den Zuhörern bieten.

Gesanglich erwartet das Publikum das bekannte Niveau des Hauses, mit einer nicht konsistenten, aber wiederum zum Stück gut harmonierenden Leichtigkeit. Aber durchaus inspirierten Momenten, die aber vor allem auch die schauspielerische Präsenz der Sänger aufgeladen sind. Wackelt es zwar auch hier und da ein bisschen, geht es hier doch in erster Linie nun wirklich nicht um das Zurschaustellen von gesangskünstlerischen Qualitäten. Wenngleich manch kniffliger musikalischer Spaß noch ein bisschen mehr auf den Punkt einstudiert gehörte – gerade um leichtfüßigen musikalischen Humor wirken zu lassen, braucht es große Präzision. Vergleichbar mit Kabarett, bei dem die Pointe auch stets im richtigen Moment und vor allem gut vorbereitet und sauber nuanciert abgefeuert werden muss, um die intendierte Wirkung beim Publikum zu evozieren.

Großes Lob indes gebührt der Bühne von Christine Knoll, die mit recht ökonomischen Mitteln das britische Unterhaus mit allen Attributen auf die Bühne bringt und das Publikum einlädt, im selbigen auf der Bühne in den Reihen der Abgeordneten Platz zu nehmen. Eine On-Stage-Produktion also, die gerade durch die intime Nähe und den etwas nostalgischen Charme an Qualitäten gewinnt, die den Abend sehenswert machen. Wirklich Zähne hat diese „heiter-satirische Musikrevue“ eher nicht, und man weiß – britischer Humor lässt sich nicht übersetzen. Dennoch dürfen wir dankbar sein, dass Andreas Wendholz, der Operndirektor des Hauses und hier zeitgleich Dramaturg, den Spaß dem Publikum geschenkt hat. Das auch in Krefeld tüchtig applaudierte.

Es gibt noch Restkarten für die Aufführungen am 13., 22., 23. und 28. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr am Theater Krefeld.

theater-kr-mg.de