Von der seltenen Spezies des Jazzsängers

Von der seltenen Spezies des Jazzsängers

Bei der Jazzattack überzeugt Tobias Christl mit weichem Tenor und Impro-Freude.

Krefeld. Sängerinnen im Jazz gibt es zwar auch nicht wie Sand am Meer, der Jazzsänger ist aber auf jeden Fall und zumal in Deutschland eine ziemlich seltene Spezies. Tobias Christl ist einer, und dabei ist er auch noch ziemlich vielseitig. Davon konnte man sich jetzt bei einer Session im Rahmen der Reihe Jazzattack im Jazzkeller überzeugen. Reiheninitiator Stefan Rademacher hatte ihn eingeladen.

Der klassische Jazzstandard ist eher die Ausnahme im Programm der insgesamt vier Musiker. Neben Rademacher am E-Bass unterstützen noch Tobias Hoffmann an der E-Gitarre und Ralf Gessler am Schlagzeug Tobias Christl. Mit Stücken von Duke Ellington und — zeitgemäßer — Bill Frisell wird die Jazz-Ecke bedient, dann stehen da aber auch noch Songs von Jimi Hendrix, den Kinks, Tom Waits, Beck oder ganz aktuell Lana Del Rey auf dem Laufplan.

Christl hat also reichlich Gelegenheit, viele Farben zu zeigen. Seinen sensibel-weichen Tenor präsentiert er eher pur bei Balladen, in rockigeren Songs kann er auch rauer und impulsiver werden. Elektronische Verfremdungen setzt er nur sparsam ein, beweist dabei aber auch eine gute Hand.

Dass der Sänger sich keineswegs auf das Absingen der Texte beschränkt, sondern sich auch Improvisationen zutraut — und das in einer nicht eingespielten Sessionband — ist mutig und hebt Christl in der eh schon raren Spezies der Jazzsänger noch einmal besonders hervor.

Rademacher zeigt, dass er auch rockig grooven kann, so kennt man ihn hier sonst eher nicht. Tobias Hoffmanns E-Gitarre jault, zirpt und rockt, wie man es hier schon öfter gehört hat, und es ist wieder ein Vergnügen. Ralf Gessler schließlich findet am Schlagzeug die Balance zwischen rockiger Geradlinigkeit und jazziger Finesse. Herzlicher Applaus.

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