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Volker Diefes „mal anders“ im Krefelder Jazzkeller

Kultur : Volker Diefes „mal anders“ im Krefelder Jazzkeller

In einer Webkonferenz kann das Publikum live mit den Künstlern chatten, für Clubs oder Künstler spenden, Zugabe drücken, abstimmen und interagieren.

Die Emojis fliegen dutzendfach über die Leinwand; ungezählte Bilder von Herzen, Daumen hoch oder Sektgläsern. Kurze Kommentare, wie ein mehrfaches „Zugabe“ zum Schluss, sind zu lesen. 49 Avatare, hinter denen sich leibhaftiges Publikum im eigenen Wohnzimmer verbirgt, schicken sie unter frei gewählten Vornahmen ab und zeigen so ihre Reaktion auf das Bühnenprogramm von Volker Diefes im Jazzkeller – direkt und ohne Zeitverzögerung. Sie sind mit Begeisterung dabei. Der Comedian kann somit sofort auf sein Publikum reagieren und die Interaktion pflegen, was in diesen Corona-Zeiten nicht üblich ist.

Die für Künstler so wichtige Kommunikation mit dem Publikum machen Petra Krieger, Krefelder Musikerin mit Tonstudio, und ihr Mann, Wolfgang Pleus, als Informatiker, möglich. Sie haben während der Corona-Pandemie eine Publikums-App, oder besser: eine Browserbasierende Anwendung namens „feedbeat“, entwickelt, die der Kulturszene, nicht zuletzt durch einen Spenden-Knopf über Paypal – durch die Pandemie helfen soll. Und nicht nur das. „Wir haben seit dem Frühjahr getüftelt, jetzt steht die Anwendung“, berichtet Krieger, Mitglied der Krefelder Comedy-Combo „Les Terroritas“, die derzeit auch nicht auftreten kann. „Ein bloßes Streaming-Format fanden wir zu langweilig; etwas in die Welt hinaus zu schicken ohne direkte Rückmeldung des Publikums, nein.“

Man kann auch Zugabe drücken, abstimmen und interagieren

Nun nutzt das Paar keinen Stream, sondern eine Webkonferenz. Die Gäste können ihren Avatar – damit nicht jeder ins Wohnzimmer gucken kann – selbst gestalten, auch während der Übertragung wechseln und damit in Echtzeit mit den Künstlern chatten, für Clubs oder Künstler spenden, Zugabe drücken, abstimmen und interagieren.

Wenn der Applaus richtig laut ist, ist er im Keller – bisher als einziger Ton von draußen – sogar hörbar. „Das Gute: Das Publikum braucht weder Facebook noch eine freigeschaltete Kamera. Es werden keine Daten gespeichert und nichts aufgezeichnet, den live ist live und soll live bleiben.“ Es könne eine Rettung für die gesamte Szene sein, findet sie weiter.

Im offenen Prozess werde diese Anwendung nun immer weiter optimiert, denn bei jedem Experivent – Experiment und Event – würden Künstler und Publikum neue Ideen einbringen, sagt Pleus. Die Anwendung als eine Weltneuheit zu bezeichnen, hält er für nicht zu hoch gegriffen. Das Paar will sie sich schützen lassen.

Nach einer Einführung durch Pleus heißt es dann: „Diefes mal anders“. Der Comedian präsentiert Auszüge aus „Smart ohne Phone“. Es ist das Programm, mit dem er auf Tour wäre und Geld verdient hätte. „Ich war sehr neugierig, es war nicht einfach. Ich habe komplettes Neuland betreten, bin aber als früherer Improvisations-Schauspieler beim Kresch geübt.“ Sein Fazit: „Es ist etwas ganz Großartiges entstanden.“

Dennoch habe ihn das völlig neue Format vor Herausforderungen gestellt. Denn sämtliche Äußerungen des Publikums durch die Emojis sofort und immer in Echtzeit zu bekommen, darauf zu reagieren und gleichzeitig sein Programm durchzuziehen, sei nicht einfach. Diefes: „Ich werde die Anwendung wohl für meine Veranstaltungen ,Grünkohl und Pinkel` und ,Monkey Night` nutzen, dann aber den Moderator geben, der mit den Nutzern interagiert und Gastkünstler haben, dir ihr Programm spielen.“

Klasse findet es der Künstler, dass die hinter den Avataren stehenden Menschen selbst die drei Kameras im Keller steuern können und somit ihr eigener Kameramann sind.

Im Jazzkeller sind schon viele Dinge entstanden. So gründeten sich dort die Pappköpp, ohne die die Stadt ärmer wäre. Das Experivent zeigt, dass „feedbeat“ sogar weltweit für Furore sorgen kann. Jazzkeller-Chef Bernhard Bosil ist hellauf begeistert. Er hatte sich als „Bernadette“ eingeloggt und sieht das Format nicht nur in Krisenzeiten. „Ich werde „feedbeat“ jetzt im Keller nutzen und später wohl auch als Hybrid – live und online. Wie toll ist es, wenn jemand in Berlin wohnt oder Urlaub im Senegal macht und meinem Konzert beiwohnen kann mit dem Künstler, auf den er immer schon gewartet hat. Andere können aus dem Krankenhaus zusehen oder bei Eisregen von der heimischen Couch aus.“