„Theodor Fontane war der Erfinder der Fake News“

Literatur : „Fontane war der Erfinder der Fake News“

Schauspieler Matthias Oelrich verwandelt Texte des brandenburgischen Schriftstellers in ein fesselndes Hörspiel.

Ein Stapel Bücher auf dem Tisch, Zettel auf einem Notenständer — der Schauspieler Matthias Oelrich hat sich für seine Lesung im Niederrheinischen Literaturhaus an der Gutenbergstraße eingerichtet. Der Anlass der Lesung ist der 200. Geburtstag von Theodor Fontane, dem Autor, der den meisten als derjenige von „Effi Briest“ oder den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ bekannt ist. Doch das sind nur zwei Facetten eines Schriftstellers, den Oelrich als ein Chamäleon bezeichnet. Die Vielseitigkeit des Brandenburgers vorzustellen, hat er sich zum Ziel seiner Lesung im ausverkauften Salon gemacht.

Michaela Plattenteich, die Vorsitzende des Vereins Literatur in Krefeld, sprach in ihrer Begrüßung über ihre persönliche Begeisterung für Fontane. Die begann in der Schulzeit und setzte sich im Germanistikstudium fort. Zur Vorbereitung dieser Lesung erklärt sie: „Es ist eine unschlagbare Kombination — Fontane und Oelrich.“ Dem fügt Oelrich hinzu: „Jede Zeit hat ihren Fontane und Fontane gibt es immer noch.“ Und so hat er Texte ausgewählt, die die Vielseitigkeit des Schriftstellers andeuten und auch seine Zeitlosigkeit.

Unterhaltsam skizziert er den Lebenslauf des 1819 in eine Apothekerfamilie hinein geborenen Sprösslings. Er wird auch Apotheker, doch als Dreißigjähriger gibt er diesen Beruf auf und wird zunächst freiberuflicher Schriftsteller. Oelrich bringt den Neuruppiner mit seiner Tätigkeit auch in unsere Gegenwart: „Fontane war der Erfinder der Fake News.“ Vor Plagiaten schien er in seiner Arbeit auch nicht zurückzuschrecken.

Dann stellt er Fontane als Theaterkritiker vor, „wie er genau geschaut und sehr böse beobachtet hat.“ Es geht um eine Aufführung von Shakespeares „Macbeth“. Mit Genuss verreißt Fontane die Auftritte von Frau Niemann-Seebach als Lady Macbeth: „Ganz unausreichend! Alle vier Szenen misslangen gleichmäßig.“

Dann schlüpft Oelrich kurz in seine Schauspielerrolle als Lady Macbeth und deutet an, welche Mühe sie gehabt haben muss, sich mit ihrer Königsschleppe zu bewegen. Nach weiteren Zitaten des Theaterkritikers kommt er zu dem Schluss: „Fontane hat moderner auf das Theater geguckt, als es damals war.“

Klatsch und Tratsch als Spiegel ihrer Zeit stellt Oelrich vor, indem er sein Publikum zu Zeugen von lebendigen Gesprächen zwischen einer Gräfin und ihrer Zofe, einem Ehepaar oder einer Hochzeitsgesellschaft macht. Jede Figur stellt er mit seiner Sprache unterschiedlich dar und lässt sie somit sehr lebendig werden, dass man sich in einen Fauteuil — einen Sessel — in den fiktiven historischen Raum versetzt fühlen kann.

Es erfordert vom Publikum große Aufmerksamkeit und auch französische Sprachkenntnisse, denn nicht nur in den Kreisen der Hugenotten, der protestantischen Glaubensflüchtlinge aus einem katholischen Frankreich, zu denen die Familie Fontane gehörte, sondern auch beim Adel war das Französisch die standesgemäße Sprache.

In einem Gemisch aus Deutsch und Französisch werden Briefe geschrieben und Gespräche geführt. Oelrich verwandelt die Texte von Fontane in ein fesselndes Hörspiel, dem man sicherlich großzügig nachsehen kann, dass nicht jedes Wort — auch manche deutsche Formulierung — auf die Schnelle verständlich wird.

Er liefert wunderbare Einblicke in die Gedankenwelt und Alltagsgeschichte der Bewohner Brandenburgs und Preußens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und beendet dies mit einem Exkurs in Balladenform nach England.

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