Theater Krefeld: Kritik zu Wer hat Angst vor Virginia Woolf

Theater Krefeld : Diese Ehehölle ist ein Fest – „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ feiert Premiere

Das Theater Krefeld zeigt Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in der Fabrik Heeder.

Das Stück gilt als die „Mutter aller Zimmerschlachten“ und scheint nicht totzukriegen zu sein. Edward Albees Ehedrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ kam 1962 in New York zur Uraufführung und war schon ein Jahr später in der Übersetzung von Pinkas Braun in Berlin zu sehen. Nun hat es Regisseur Sascha Mey, der lange Regieassistent am Haus war, für das Theater Krefeld-Mönchengladbach inszeniert. Die Krefelder Premiere fand am Freitag in der Fabrik Heeder statt.

Willkommen in der Ehehölle von Martha (Eva Spott) und George (Michael Ophelders), die das junge Pärchen Honey (Jannike Schubert) und Nick (Ronny Tomiska) nach einer Party noch bei sich zu Hause empfangen und so gnadenlos in ihren Ehezwist hineinziehen und instrumentalisieren, wie sie auch selbst gnadenlos miteinander umgehen. „Achtung, hier geht’s zur Sache“ – das will schon das etwas liebelose Bühnenbild (Udo Hesse, auch Kostüme) erzählen. Einfache Bühnenelemente sind zu einer Art Mini-Arena geformt. Accessoires wie Sitzkissen und ein Sessel machen den Kampfplatz notdürftig zum Wohnzimmer.

Wichtigste Utensilien sind allerdings gleich zwei kleine Barwagen, beide sehr gut bestückt. Wäre es wirklich Alkohol, der da in den zahlreichen Flaschen steckt, die Zungen der Akteure wären schon nach wenigen Minuten zu schwer, um all die sprachlichen Giftpfeile so treffsicher abzuschießen, wie das Martha und Georg genüsslich tun.

Die Männer in diesem Stück sind Universitätsprofessoren, die Ehefrauen sind – nun, ja – Ehefrauen. Den Figuren mangelt es an nichts im fundamentalen Sinn, materielle Schwierigkeiten spielen keine Rolle. Mit anderen Worten: Das Stück verhandelt Luxusprobleme wie unerfüllte Sehnsüchte, das Lähmende einer bürgerlichen Fassade und Ähnliches.

Das wirkt in diesen hochpolitischen Zeiten, in denen heiße Themen wie Rechtsruck der Gesellschaft, Klimawandel und andere selbst Familien auseinanderdividieren, ein wenig anachronistisch. Warum also soll man sich Albees Ehedrama antun? Weil es eben unverwüstliches Schauspielertheater ist, und wenn man die Schauspieler dazu hat, kann man mit dem Stück sein blaues Wunder erleben – und das klappt dann auch mit dieser Inszenierung.

Eva Spotts Martha kämpft zwar mit den gröberen Waffen Vulgarität und Seitensprung, lässt aber auch ihre Verletzlichkeit nuanciert durchscheinen. Der George von Michael Obhelders beginnt als unscheinbares Biedermännchen, brilliert zwischendurch mit der gedanklichen Schärfe des klarsichtigen Intellektuellen und untergräbt am Ende so glaubhaft ehrlich wie unsentimental die Lebenslüge, die das Ehepaar trotz aller Konflikte aneinander geschmiedet hat: das Märchen von einem gemeinsamen Kind.

Die Leistung von Jannike Schubert als Honey und Ronny Tomiska als Nick besteht darin, sich im Ehekrieg der Älteren nicht einfach in die Rolle der Statisten drängen zu lassen. Sie nutzen den Raum, den ihnen die Regie Meys auch gewährt, den Brüchen ihrer Figuren mindestens so viel Tiefe zu geben, dass man ihre eigene Ehehölle schon aufscheinen sieht. Am Ende viel Applaus für das trotz aller Derbheiten sehr differenzierte Spiel aller Akteure und auch für die Regie Sascha Meys.

Weitere Aufführungen am 13. Oktober, 13. November, 3. sowie 29. Dezember jeweils um 20 Uhr.

theater-kr-mg.de

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