Theater: Auf den Hund gekommen

Theater: Auf den Hund gekommen

Weil ein Kollege krank wurde, musste sich Ronny Tomiska binnen zwei Tagen in einen „Bremer Stadtmusikanten“ verwandeln.

Krefeld. Ein bisschen mag er sich fühlen wie Gregor Samsa, der Held aus Franz Kafkas "Verwandlung" der eines Morgens als Insekt aufwacht. Abends jedenfalls war er noch der Schauspieler Ronny Tomiska gewesen, der bei einem Glas Wein in der Theaterkantine zufrieden auf einen gelungenen Auftritt zurückblickte.

Am Morgen dann lief er bereits als Hund durch die Gegend, bellend und heulend, die Vorderpfoten hilfesuchend in die Luft gestreckt.

Verwandlungen wie diese sind Alltag an Theatern, aber selten gehen sie so plötzlich vonstatten. Drei Tage vor der Premiere der "Bremer Stadtmusikanten" war der über Wochen ausgebildete Hund Jens Wachholz krank geworden.

Und so stand Schauspieldirektor Matthias Gehrt am Dienstag kurz vor Mitternacht in der Kantine und sprach den gefürchteten Satz: "Kommst du bitte mal mit in mein Büro?"

Wenig später saß Ronny Tomiska zu Hause am Küchentisch und blätterte im Textbuch. "Ich wusste nichts über die Produktion", sagt er. "Nur, dass Masken im Spiel sind und die Kollegen sechs Wochen lang Unterricht von einem Pantomimen bekommen haben." Tomiska hatte noch genau zwei Tage Zeit.

Profis kennen solche Situationen, aber sie passieren selten zur Premiere. "Normalerweise hat man das Stück schon gesehen oder holt es auf Video nach", sagt Tomiska. Diesmal ging beides nicht. Nein zu sagen, kam ihm trotzdem nicht in den Sinn: "Es ist schlecht, wenn Vorstellungen ausfallen. Und gerade für Kinder ist eine Absage ganz schlimm."

Also stand der Schauspieler am nächsten Tag nicht in den Proben zu "Woyzeck", sondern neben Esel, Katze und Hahn in einem Bühnenbild, das er nie zuvor gesehen hatte. Der Text würde nicht sein Hauptproblem sein, in der Inszenierung geht es um perfekt abgestimmte Bewegungsabläufe, fast wie im Ballett. "Ich musste mir die Körperlichkeit erst aneignen", sagt Tomiska.

Am Donnerstag trug er schon die Maske, die das Sichtfeld einengt, und das schwere Kostüm. "Die Generalprobe war chaotisch", erzählt er. "In der Pause lag ich völlig fertig auf dem Boden und habe mir Luft zufächeln lassen."

Für mögliche Texthänger hatte er sich inzwischen eine charmante Erklärung einfallen lassen. "Ich bin so vergesslich geworden", lässt er seinen Hund am Anfang des Stückes sagen. "Ich habe immer mein Notizbuch dabei."

Gestern war Premierentag. Früh um acht schlich ein übernächtigter Ronny Tomiska zum Kiosk und kaufte eine 1,5-Liter-Flasche Cola und eine große Packung Traubenzucker. Den Muskelkater beschloss er zu ignorieren, dafür schaute er allen Hunden nach, die ihm begegneten.

Als sich drei Stunden später der Vorhang hob, blieb keine Zeit für Nervosität: "Ich musste mich irgendwie reinstürzen." Nur einmal habe der Esel ihm zugeraunt: "Raus aus der Tonne!" Alles andere lief wie am Schnürchen.

Morgen früh spielt Tomiska ein weiteres Mal den Hund, und abends steht er als "Amadeus" auf der Bühne. Das wäre wirklich eine Geschichte für Kafka.

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