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Festival Move!: Spiel mit archaischen Märchenmotiven

Festival Move! : Spiel mit archaischen Märchenmotiven

Zwei Tanz-Akrobaten fesseln beim Festival Move! die Zuschauer mit Projektionen und Kreaturen zwischen Mensch und Tier.

Krefeld. Brüder? Freunde? Vater und Sohn? Die beiden Männer stehen plötzlich da, Hand in Hand, in einer Nebelwolke. Beide barfuß, in Kniebundhosen, der eine groß und bärtig, der andere klein und drahtig. Wie Hänsel und Hänsel. Als wären sie aus der Grimm’schen Märchenwelt entlaufen - und so ähnlich verhält es sich auch.

„The boy who cries wolf“ heißt die kleine, großartige Performance, die die Israelitin Reut Shemesh für die beiden Tänzer-Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky choreografiert hat. Sie gastierten bei Move! - zweifellos ein Höhepunkt des Tanzfestivals in der Fabrik Heeder.

Zuvor setzte sich Francesco Pedone in „This boy“ von Morgan Nardi — ebenfalls mit akrobatischen Ambitionen — mit dem Mythos der ewigen Jugend auseinander.

Es gibt weder Kulissen noch Requisiten, dennoch sieht der Zuschauer einen Wald, zeitweise im Mondlicht, wo sich wunderliche Kreaturen herumtreiben. Denn die beiden tanzenden Artisten, die sich „Overhead Project“ nennen, verstehen ihre Kunst.

Florian Patschovsky, der kleinere von beiden, verwandelt sich allmählich in einen Hirschen auf einer Lichtung, wenn er seine Hände hinter dem Kopf zum Geweih aufgefächert und dann verblüffend mit der Grazie eines Dammwilds galoppiert. Dann meint man, einen Wolf zu sehen, später kriecht ein Reptil, vielleicht eine Echse, über den Boden und hebt den Kopf lauernd zur Seite.

Mit ungeheurer Präzision und Geschmeidigkeit gelingen diese ruhigen Anverwandlungen. Die Motive sind Ur-Märchen entnommen, beispielsweise des griechischen Dichters Aesop, die Reut Shemesh studiert hat. Da diese hierzulande nicht geläufig sind, kann der Zuschauer viele der starken, oft zur Pose erstarrten Bilder nicht verstehen.

Dennoch vibriert die Spannung, gehalten vom Puls elektronischer Rhythmen, wenn die beiden in einem fortwährenden Kreis der Transformation archaische Szenen darstellen. Das Timing ist perfekt, in der tänzerischen Bewegung wie in der Balance von Ruhe und Dramatik.

Da ist das Märchen des russischen Erzählers Afanasjew, das allerdings nur in den Presseunterlagen erwähnt wird. Es erzählt von einem Vogel, der auf dem Kopf eines Mannes sitzt, ihn pickt und quält. Der Vogel verwandelt sich in den Jungen, der Junge wird zum Tier, das Tier zur Stimme im Kopf des Mannes. Dieses Motiv zieht sich durch das ganze Stück.

In einer herausragenden Szene hockt Patschovsky auf der Hüfte des am Boden liegenden Behren und reckt vogelartig den Kopf. Dann richtet er sich auf und schlägt mit den Armen wie ein stolzer Adler. Einmal greift der Artist eine in der Luft schwebende Vogelattrappe, das einzige Requisit des Abends, und drückt sein Gesicht in ihn hinein. Als er den Kopf wieder hebt, tropft ihm Blut aus dem Mund.

Tim Behren ist der Mann fürs Heben und Tragen — und die Gefühle. Er bringt Szenen emotional auf den Punkt: Der große Mann zittert vor Angst und Verzweiflung, trägt seinen Partner wie ein Baby, dreht ihn in einer Dauerschleife auf den Beinen bis zur Erschöpfung oder attackiert ihn von hinten.

Es gibt auch komische Momente, wie wenn der Große plötzlich dem Kleineren auf den Arm springt. Überhaupt bildet das Verhältnis zwischen den beiden Männern zwischen Fürsorge und Aggressivität eine spannende Metaebene, in dem auch der Tod in Form des regungslosen Körpers eine dunkle Rolle spielt.