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Sinfoniekonzert: Ein Saal hält den Atem an

Sinfoniekonzert: Ein Saal hält den Atem an

Vadim Gluzman verzaubert mit seiner Stradivari. Einzig Bruckners Sinfonie passt nicht so recht zum Abend.

Krefeld. Als heiteres Geburtstagsständchen komponierte Leonard Bernstein 1980 sein „Divertimento for Orchestra“. Der Anlass war der 100. Geburtstag des Boston Symphony Orchestra. Aus der Buchstaben-Spielerei um „Boston Centenary“ (Bostons Hundertjahrfeier) — B und C — entwickelte er die Tonfolge, die er in allen Sätzen verarbeitet. Die Bezeichnung Divertimento stammt aus dem Italienischen: divertiere — ergötzen.

Dass diese Notenfolge höchst ergötzliche Resultate hervorbringen kann, bewiesen die Niederrheinischen Sinfoniker unter Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson beim 5. Sinfoniekonzert. Fanfaren zum Wachrütteln, Walzer- und Mazurka-Takte, fetzige Sambaklänge, geheimnisvolle Musikrätsel, ein lässiger Blues und der abschließende Marsch „The BSO forever“ klingen beschwingt, verspielt und jubelnd zugleich — Unterhaltung vom Feinsten.

Virtuosentum an einer Stradivari von Weltrang folgt mit Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert D-Dur op. 35. Der Solist Vadim Gluzman, der mit den besten Orchestern der Welt konzertiert, zieht auch im Seidenweberhaus das Publikum in seinen Bann. Es ist so mucksmäuschenstill, dass man annehmen könnte, ein ganzer Saal hielte den Atem an. Man möchte man jeden Ton und sein Vibrato, jede Schwingung aufsaugen, nicht einen Hauch des Werks und seiner atemberaubenden Interpretation verpassen.

Auch mit seiner Zugabe, einem kleinen Bach-Solo fesselt er das Publikum, das an seinem Bogenstrich „hängt“. Außerdem bietet sich so noch eine gute Gelegenheit, weitere Facetten des historischen Instruments, der „Ex-Leopold-Auer“-Stradivari von 1690, zu erleben.

Den zweiten Teil des Konzertabends füllt Anton Bruckners Sinfonie Nr. 4 Es-Dur („Romantische“). Das Werk kann man an diesem Abend als Fehlgriff bezeichnen. Mit der fast eineinhalb Stunden dauernden Sinfonie erstickt das Orchester die Klangwelt des amerikanischen Teils unter einem dicken österreichischen Federbett. Schade.