Schätze aus dem Magazin der Burg Linn: Germanen warteten gepflegt auf die neue Welt

Schätze aus dem Magazin der Burg Linn: Germanen warteten gepflegt auf die neue Welt

In einem der Gräber in Gellep wurden Pinzetten und ein Ohrlöffel gefunden. Sie sind etwa 2500 Jahre alt.

Krefeld. Frisch gekämmt, gewaschen und mit geschnittenen Nägeln — so sollte der verstorbene Germane dereinst aus seinem Grab hervortreten. Deswegen gaben die Menschen der Eisenzeit ihren Toten auch nach der Verbrennung Beigaben für die Körperpflege mit.

Eine Pinzette aus Bronze, eine aus Eisen und ein kleiner, nicht mehr ganz vollständiger Löffel liegen im archäologischen Museum Burg Linn in einer Vitrine. Es sind Beigaben aus einem eisenzeitlichen Grab, gefunden in Gellep und datiert auf das fünfte oder vierte Jahrhundert vor Christus.

In diesem größten durchgängig belegten Gräberfeld nördlich der Alpen hat man, so schätzt Museumsdirektor Christoph Reichmann, etwa 150 eisenzeitliche Gräber gefunden. Im ganzen Stadtgebiet gibt es weit über 300. „Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Reichmann.

Vor 100 Jahren konnte man diese Gräber noch in der Landschaft erkennen, denn die Germanen bauten ihren Toten Grabhügel — wie kleine Häuser. „1905 wurden die letzten Hügel in Hüls gesehen“, erklärt Reichmann. Inzwischen sind sie alle untergepflügt und daher schwerer zu finden.

Die eisenzeitlichen Bewohner der Region bauten die Totenhäuser mit einem Ringwall darum und einer symbolischen Tür in Richtung Osten.

Ihre Vorstellung war, dass nach dem Weltuntergang eine neue Welt entsteht. Und dafür verbrannten sie ihre Toten in deren Tracht und gaben ihnen besondere Gegenstände zur Körperpflege mit.

Pinzette und Ohrlöffel nennt man echte Beigaben, denn „sie haben nicht im Feuer gelegen“, sagt Restauratorin Christine Linke. Sie hat die kleinen, so etwa 2500 Jahre alten Stücke mit weißen Handschuhen aus der Vitrine geholt. In einer anderen Vitrine gibt es auch ein späteisenzeitliches Rasiermesser, das die Archäologen in einem der Gräber fanden.

Die Germanen, die den Niederrhein in der Eisenzeit dicht besiedelt hatten, hatten ein ganz anderes Verständnis vom Jenseits als später die Kelten und Römer. In ihrer Vorstellungswelt war die Schaffung einer neuen Welt nach deren Untergang das wichtigste. Und da die Toten den Weg in die neue Welt nicht gleich anzutreten brauchten, wurden sie für die Zwischenzeit in ihren Totenhäusern zur Ruhe gelegt.

„Das Grabritual war bei den Germanen von hoher Wertigkeit“, sagt Reichmann. Er vermutet auch, dass in allen Gräbern Seife gelegen haben muss — aber die ist nach so langer Zeit nicht mehr nachweisbar. Etymologen gehen davon aus, dass das Wort „Seife“ germanischen Ursprungs ist und von den Römern übernommen wurde.

Den Kelten und Römern war der Weg ins Jenseits wichtiger: Sie gaben ihren Toten Speisen und Getränke für ihre Reise in das Totenreich mit.