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Romantische Szene aus samtigen Fäden

Romantische Szene aus samtigen Fäden

Die Sammlung ist um eine Rarität reicher — ein Stoffgemälde in fast vergessener Technik.

Krefeld. „Es ist ein bisschen wie Weihnachten mitten im Jahr“, sagt Annette Paetz genannt Schieck. Die Leiterin des Deutschen Textilmuseums freut sich über ein besonders gut erhaltenes Bild in Nadelmalerei aus dem frühen 19. Jahrhundert. „Wir haben es gekauft, weil es sehr schön ist und eine Rarität. So etwas hatten wir nicht in unserer Sammlung.“

Die aus England stammende Stickerei wurde fast ausschließlich in dem vor 200 Jahren äußerst modischen Material Chenille hergestellt. Das auf Seide gestickte Bild stellt im Stil der frühen Romantik eine pastorale Landschaft mit Figuren dar. Zu sehen sind ein Schäfer und seine Schafe sowie junge Frauen und Kinder bei der Getreideernte. „Es sind im Grunde zwei Szenen in einem“, sagt Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Leiterin des Museums. „Teile der Figuren, Tiere und der Landschaft sind gestickt, während der Hintergrund, die Gesichter und Hände der Menschen mit feinen Pinselstrichen gemalt sind.“

Die Bezeichnung Chenille stammt aus dem Französischen und bedeutet „Raupe“. Und wie samtige Raupen ziehen sich die gestickten Chenille-Fäden in feinen Farbabstufungen über den teilweise in Gouache-Technik bemalten Seidenhintergrund.

Darunter befindet sich noch, wohl zur Verstärkung, ein Leinengewebe. Einige Chenillefäden liegen doppelt, und die Fäden wechseln ihre Richtung. „Das schafft Lebendigkeit und gibt der Stickerei ihre reliefartige Struktur“, erklärt Isa Fleischmann-Heck.

Den Kauf des 53 mal 63 Zentimeter großen Bildes ermöglichte der Förderverein Freunde der Museen Burg Linn. Eigentlich bat ein Kunsthändler die Krefelder Experten Anfang des Jahres nur um eine Begutachtung im Vorfeld der Restaurierung. Jetzt bereichert das besondere Stück die Sammlung. „Vorbilder liegen wohl in der englischen Malerei. Aber die stilistische Einordnung und die technischen Analysen folgen noch“, sagt Annette Petz genannt Schieck.

Zuerst steht die Restaurierung an. Die Seide ist an manchen Stellen brüchig, ein Pappuntergrund muss entfernt werden. Der Linner Neuerwerb war gerahmt und wurde vermutlich als Wand- oder Kaminschirm verwendet. „Aber die Stickerei ist wunderbar erhalten“, freut sich Schieck.