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„Rigoletto“: Hinter den Kulissen einer Oper

Oper : „Rigoletto“: Hinter den Kulissen einer Oper

Am Samstag feiert die Neuinszenierung von Verdis beliebter Oper Premiere am Theater Krefeld. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Wir durften während einer Bühnenorchesterprobe hinter die Kulissen blicken. Ein Stimmungsbild über das, was in der großen Maschine Oper alles passiert.

Am Bühneneingang des Theaters Krefeld herrscht tüchtig Betrieb. In kurzem Takt ertönt die etwas krächzige Klingel, die man mittels eines aus der Zeit gefallenen Retro-Klingelknopfes bedienen muss, um Eintritt in jenen Bereich zu wünschen, der eigentlich nur denjenigen Menschen vorbehalten ist, die die große kunstvolle Maschine Theater am Laufen und Leben halten.

Indes steht an diesem etwas kühlen Abend keine eigentliche Aufführung im engeren Sinne auf dem Programm. Der Publikumsbereich, der sich galant zu dem weniger galanten Theaterplatz öffnet, wird an diesem Abend geschlossen bleiben. Dennoch herrscht reges Treiben auf, hinter, neben und sozusagen unter oder vor der Bühne im Orchestergraben. Die Bühnenorchesterprobe zu der neuen Rigoletto-Produktion steht an.

Verdis beliebte und geliebte Oper wird in der Inszenierung von Dorothea Kirschbaum am Samstag das Licht der Welt erblicken. Das Premieren-Fieber indes ist noch nicht allzu hoch gestiegen, wenngleich mit jedem Tag die Fieberkurve sich nach oben biegen wird.

Hinter der Bühne herrschte eine besondere Aura

An diesem Abend steht noch ganz alltägliche Arbeit an; ein Durchlauf mit Orchester auf der adäquat ausgerüsteten Bühne, allerdings noch ohne Kostüme, Schminke und dergleichen – aber was ist an einem Theater schon alltäglich. Eine besondere fast schon ehrfurchtserregende Aura hat dieser Bühnenraum immer. In unendliche Höhe kann der Blick schweifen, dort erblickt man Technik, die rein optisch einem Atomkraftwerk russischer Bauart durchaus Ehre machen würde. Die Kulissen sind aufgebaut, seitlich von ihnen auf den Seitenbühnen stehen Requisiten, Bühnenelemente und wieder sehr viel Technik, Beleuchtung, Gerüste und so weiter.

Unzählige Menschen unter Werkstattleiter Dirk Peltzer und Ausstattungsleiter Udo Hesse haben wochenlang gearbeitet, gebaut, geschneidert, gemalt und gefrickelt, bis Bühne, Kostüme und Co. so verwirklicht wurden, wie Bühnenbildner Julius Semmelmann oder Kostümbildnerin Devin McDonough es erträumt haben. Der Technischer Direktor Rainer Lauwigi, Theaterinspektor Lutz Vorberger, die Theatermeister Daniel Schäfer und Georg Rütsch haben alles vorbereitet. Beleuchtungsinspektor Guido Pyczak und die Beleuchtungsmeister Gaëtan De Blecker und Stefanie Rodewies sorgen dafür, dass bei Licht und Schatten alles nach Regeln der Kunst läuft. Andreas Reichenheim kümmert sich um Ton und Video. Das sind nur ganz wenige Namen aus dem großen Team, das so eine Theateraufführung erst überhaupt möglich macht. Sie arbeiten hier, kennen die Hinterbühne im Schlaf, für sie ist das nichts besonderes. Für uns aber herrscht hier ein Zauber.

Es riecht ein wenig nach Holz, ein Duft, der so typisch für Bühnen ist, wie das immer etwas gedämpfte Licht, die fast hallose Stille und eine Spannung, die selbst dann ihre Spuren im Fluidum des Raumes hinterlässt, wenn mal gerade keine Aufführung oder Probe ist. Aber heute ist diese Aura potenziert – es wird geprobt.

Der Inspizient hält alle
Fäden zusammen

Inspizient Ognian Ratchkov hat während der Bühnenorchesterprobe stets die Partitur und das Geschehen hinter und auf der Bühne im Blick. Ein bisschen wie ein Dirigent, der den technischen Takt vorgibt. Foto: Christian Oscar Gazsi Laki

Es herrscht vor der Probe relativ viel Bewegung. Hier sieht man Generalmusikdirektor Mihkel Kütson mit der Partitur noch kurz mit einem Kollegen über eine Passage diskutieren, dort scherzen zwei Statistinnen heiter miteinander, Teile des Ensembles trudeln ein. Und der Inspizient klärt noch über sein Mikro einige Details.

An diesem Abend ist Ognian Ratchkov der Mann, bei dem alle Stricke der großen Maschinerie, die eine Opernaufführung ausmacht, zusammenlaufen. Als Inspizient hat er die Abläufe, die genau entlang er Musik getaktet sind, im Blick. Gibt Zeichen an die Bühnentechniker, wann sie welche Dinge auszuführen haben. Damit sich Kulissen wie von Zauberhand bewegen, Türen sich öffnen oder schließen, braucht es fleißige Hände, die auf den Punkt ihre Bewegungen ausführen, Tore auseinanderziehen oder Kulissen verschieben. Bei dieser Inszenierung passiert das Verschieben einer minimalistischen Wand, die das Hauptelement der Kulisse darstellt, sehr häufig – diese rückt mal vor oder zurück. Die in der Mitte befindliche große Schiebetüre öffnet sich mal schnell, mal langsam, immer genau abgestimmt mit der Szene, der Musik. Auf all dies achtet der Inspizient.

Sophie Witte singt Gildas Arie auf betörende Weise

Er ruft die Sänger und Sängerinnen auf – schickt auch mal kurzerhand jemanden mit einem Bären auf die Bühne, eine Requisite, die auf Wunsch der Regie noch schnell in die Kulisse musste. Dies geht hier ja noch, immerhin sind wir noch in einer Probe, bei der auch mal etwas schieflaufen kann.

Der Blick von der Seitenbühne aus vermittelt stimmungsvoll, was sich alles hinter den schönen Kulissen verbirgt. Technik, und Menschen, die sie bedienen, müssen im engsten Zusammenspiel agieren. Foto: Christian Oscar Gazsi Laki

Es ist ein bestechend magisches Gefühl, von der Seite auf die Bühne zu blicken, zu sehen und zu hören, wie Sänger ihre Arien singen, sich bewegen – wie aus einer unerhört intimen Perspektive wähnt man sich im innersten Kern einer Opernproduktion. Und hier noch vor der eigentlichen Geburt. Ein Moment, der sich mit zarter Kraft in die Seele brennt, ist Gildas Arie „Caro nome che il mio cor“ gesungen von Sophie Witte. Die Sopranistin, die in dieser Inszenierung eine besondere „Gilda“ – hier soll die junge Tochter Rigolettos ein Cyborg sein – spielend auf der Bühne steht, lässt die Zeit stehenbleiben.

Etwas gedämpft hallen die sanften fast etwas scheuen Töne in die Seitenbühne hinein, aus deren Perspektive wir sie beobachten können. Doch auch die anderen Sängerinnen und Sänger sind in guter Form, spürt man auch, dass bis zur Premiere noch ein bisschen hier und da geschleift und poliert werden muss.

Es herrscht höchste Konzentration. Und doch eine professionelle Gelassenheit. Ognian Ratchkov gibt durch sein Mirko immer wieder die Kommandos für die nächste „Stimmung“. Und plötzlich wandelt sich die Bühne, das Licht dimmt, die Bühne bewegt sich erneut. So, wie sie es auch bei der Premiere tun wird.

Blicken wir dann auf das fein polierte Ergebnis, horchen den Niederrheinischen Sinfonikern und den Chor (Maria Benyumova) geleitet durch Kütson, den Sängerinnen und Sängern, sehen Bühne und Kostüme, Licht und Schatten, sollten wir uns daran erinnern, was sich alles hinter der Bühne abspielen muss, damit jedes Rädchen ineinandergreift.

Die große Kunst findet natürlich im ästhetischen Zusammenspiel zwischen Sängerpersönlichkeiten, ihrer Interpretation und Einfühlung, ihren Stimmen und Bewegungen mit der Musik, dem Orchester, dem Dirigenten im großen Rahmen der Regie statt. Alle Aspekte befruchten sich gegenseitig. Doch ohne das Technische dahinter, wäre das alles überhaupt nicht denkbar.