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Puppenspiel sorgt für Irritationen

Puppenspiel sorgt für Irritationen

„Budenzauber“: Das Weite Theater aus Berlin spielt Oliver Bukowskis „Intercity - Ein Abend völliger Entgleisung“ in der Fabrik Heeder.

Krefeld. Der Hardcore-Autor Oliver Bukowski platziert seine schrägen Figuren in die entferntesten Winkel der ehemaligen DDR. Seine mörderischen Farcen haben manchen Preis errungen und sind auf deutschen Bühnen — insbesondere im Osten des Landes — recht präsent. Nicht so sein Theaterstück „Intercity“, uraufgeführt 1994 in Magdeburg.

Die Geschichte ist so abgedreht, dass sie fürs Schauspiel offenbar nicht taugt, aber irgendwie auch schon wieder schön ist. Deshalb hat die Puppenbühne „Das Weite Theater“ aus Berlin das Stück in Szene gesetzt — und beim Figurentheaterfestival „Budenzauber“ in der ausverkauften Fabrik Heeder mindestens für Irritation gesorgt.

In dem winzigen Nest Lakow irgendwo im deutschen Osten rast der Aufschwung in Form eines schicken Intercitys zweimal täglich vorbei. Die wenigen übrig gebliebenen Einwohner sind arbeitslos und schmieden kriminell-krude Pläne: Wenn der Zug entgleisen würde, kämen die Medien und ihr kleiner Ort bekäme nationale Aufmerksamkeit und neue Hoffnung. Dazu bedarf es einiger Intrigen. Zunächst muss Stellwerker Klaus vergiftet werden und sein polnischer Schwiegersohn den Hebel umlegen. Bühnentechnisch haben die Berliner Bukowskis Geschichte gut gelöst. Die Groteske, die — wäre sie nicht so vulgär — an Friedrich Dürrenmatt erinnert, spielt auf drei Ebenen.

Die Dorfszenen ereignen sich auf der Hauptbühne des — mit Plakaten ost-romantischer Häuserfassaden beklebten — Theaters, während im Hintergrund ein Video mal Textpassagen, mal den vorbeirasenden Zug zeigt.

Im unteren Teil der Konstruktion ist das Stellwerk untergebracht, wo Nutte Lulli und ihr polnischer Verlobter sich dem wilden Sexleben hingeben. Schon die Handpuppen mit den kleinen, groben und farblosen Köpfen lassen auf eine gewisse Primitivität schließen. Der alte Stellwerker schnarcht und rülpst, was das Zeug hält. Herrenwitze, Vulgärsprache und Gekreische sorgen nur anfangs für Heiterkeit im Publikum. Denn Bukowskis akrobatische Rhetorik ist bei aller Derbheit durchaus originell. Und Regisseur Jörg Lehmann hat sich witzige Einschübe einfallen lassen. So versenkt die Hydraulik statt des Sarges die Trauergäste.

Auch die gewollt dilettantische Einstudierung von Betroffenheit nach dem geplanten Unfall lässt schmunzeln. Insgesamt aber ist die Produktion in der Tat „ein Abend der völligen Entgleisung“. Sie ist eindeutig zu wortlastig und stellenweise langatmig. Vor allem aber sind die Dialoge der Mischpoke mitunter von einer abstoßenden Primitivität.

Autor Oliver Bukowski und Regisseur Jörg Lehmann haben die Provokationsschraube überdreht. Wenn am Ende die moderne Technik alle Pläne durchkreuzt und zwei Tote zu beklagen sind, wünscht man sich eigentlich nur noch das Ende herbei.