Psychopathinnen sind anders gefährlich als Männer

Kriminalität : Psychopathinnen - Wie das weibliche Böse Menschen manipuliert

Weil Psychopathen in Filmen meist männlich sind, hat die Gesellschaft ein falsches Bild. Lydia Benecke klärt auf.

Gebannt blickt das Publikum am Samstagabend auf eine Leinwand des Krefelder Nordbahnhofs und analysiert anhand eines Videoausschnittes des Films „Basic Instinct 2“ mögliche Verhaltens- und Vorgehensweisen einer Psychopathin. Daraufhin sammelt Lydia Benecke die Erkenntnisse der Gäste und klärt nochmal fachlich auf. Benecke ist Psychologin und hält neben ihrer Tätigkeit als Straftätertherapeutin regelmäßig populärwissenschaftliche Vorträge über Psychopathie, in deren Rahmen sie über gesellschaftliche sowie individuelle Hintergründe, die zugrundeliegenden psychischen Krankheitsbilder und die Strategien psychopathischer Menschen aufklärt.

Die Blutgräfin ging in die Geschichte ein

Lydia Beneckes derzeitige Vortragsreihe handelt in Anlehnung an ihr gleichnamiges Buch explizit von Psychopathinnen – der „weiblichen Seite des Bösen“. Ein Beispiel ist die „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Zuge zahlreicher grausamer Morde an jungen Mädchen verurteilt wurde, was seit den 1970er-Jahren zunehmend in Film und Literatur verarbeitet wurde. Sie sei einer der bekannteren Fälle weiblicher Psychopathie, die in der Gesellschaft ansonsten weiterhin eher weniger Thema ist.

Das gesellschaftlich vorherrschende Bild von Psychopathie werde zumeist von männlichen Figuren in Hollywood-Filmen geprägt, sagt Benecke, etwa durch die Figur des Hannibal Lecter. Gleichzeitig werde das Phänomen der weiblichen Psychopathie noch nicht so lange erforscht. Noch in den 1930er-Jahren habe man angenommen, dass diese Störung bei Frauen nicht auftreten könne, so Benecke.

Angst oder Mitgefühl empfinden die Betroffenen nicht

Die auf die männlichen Betroffenen zugeschnittenen Urteilskategorien passten nicht auf die Frauen. Bei ihnen äußert sich Psychopathie aufgrund biologischer und gesellschaftlich-kultureller Umstände in anderen Sphären. Das hängt beispielsweise mit geschlechterrollenspezifischen Erwartungen und Normen zusammen.

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung bestehe bei Psychopathie kein zwangsläufiger von innen heraus angetriebener Tötungsdrang, sagt Benecke. Die sozialen Umstände hätten einen immensen Einfluss. Früher habe eine Frau im Falle einer unglücklichen Ehe, da eine Scheidung zu gesellschaftlicher Ächtung geführt hätte, ihren Ehemann womöglich vergiftet. „Scheidungen retten also Leben“, konstatiert Benecke humorvoll.

Trotzdem bestehen auch grundlegende Gemeinsamkeiten im Verhalten von Psychopathen und Psychopathinnen. Diese seien die Unfähigkeit, Angst, Mitgefühl oder Schuldgefühle zu empfinden. Psychopathie äußere sich außerdem in äußerst manipulativem Verhalten gegenüber den Mitmenschen. Während Männer häufiger eher mit physischer Gewalt agierten, nutzten die Frauen typischerweise soziale und emotionale Manipulation, erklärt Benecke. Dies hänge mit den Persönlichkeitsstörungen zusammen, deren unterschiedliche Kombinationen einer Psychopathie zugrundeliegen.

Immer wieder untermalt Benecke ihre psychologischen Ausführungen mit realen Fallbeispielen, ihrer persönlichen Berufserfahrungen, Filmausschnitten und Bildern. Zuhörer Stefan Cremer gefällt insbesondere die Wissenschaftlichkeit des Vortrags. „Sie sprudelt regelrecht vor Wissen“, erklärt er seine Begeisterung.

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