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„Prinz Rama“ — ein Rausch der Sinne

„Prinz Rama“ — ein Rausch der Sinne

Das Wagnis hat sich gelohnt: Robert Norths Ballett zaubert große Bilder auf die Theaterbühne.

Krefeld. Falls jemals ein Filmproduzent „Prinz Rama“ auf die Leinwand bringen möchte, fängt er besser schon mal an, Geld zu sammeln — er hätte ein Budget wie bei „Herr der Ringe“ zu stemmen. Da herrschen Dämonen in prunkvollen Schlössern, ihr König Ravana beherrscht Wind, Sonne und Sterne. Da unternehmen zwei Brüder und eine Affenbande eine gefährliche Reise über Kontinente, unterwegs zähmen sie den Ozean und besiegen die Meeresgöttin. Ach ja, und am Schluss geht eine ganze Stadt in Flammen auf, ein Riese erhebt sich, Gut und Böse treffen in einer entscheidenden Schlacht aufeinander.

Doch „Prinz Rama“ ist (noch) kein Blockbuster, sondern das Weihnachtsmärchen im Stadttheater, das am Sonntag Nachmittag Premiere feierte. Erzählt wird es als Ballett. Schon das ist unerhört mutig, weil es den jungen Besuchern Aufmerksamkeit abverlangt und einen Bruch mit allen Sehgewohnheiten in Kauf nimmt. Dass ihnen eine Geschichte erzählt wird, kennen Kinder vom Vorlesen, aber getanzte Märchen? Gibt’s nicht zu Hause, nicht in der Schule, nicht im Kino, erst recht nicht auf RTL. Das gibt’s nur im Theater.

Und weil er das weiß, entfesselt Choreograf Robert North einen 60-minütigen Rausch der Sinne. Mit exotischen Kleidern und furchterregenden Masken, mit riesigen Tüchern, die sich von oben entrollen, mit Schattentheater, mit Röcken aus Feuer und Gewändern aus Wasser,

Doch trotz der überbordenden Fantasie, die North und seine Kostümbildnerin Monia Torchia an den Tag legen, können gerade kleinere Kinder nicht alles verstehen, dazu ist der Grad der Abstraktion zu hoch. Vor allem bei den Kämpfen wird das deutlich: Die Eleganz geht da auf Kosten der Wucht, das tänzerische Umgarnen lässt keine Direktheit zu. Auch Humor sucht man, abgesehen vom gelegentlichen Schabernack des Affenkönigs Hanuman, vergeblich.

Und doch überträgt sich die Energie dieser Choreografie in den Saal: Das liegt am visuellen Dauerfeuer, an der stimmlichen und physischen Präsenz des Erzählers Tobias Wessler und daran, dass einige Tänzer im Ensemble bereit sind, den Schauspieler in sich zu entdecken. Vor allem Jorge Yen als Ravana und Takashi Kondo als Hanuman erinnern in ihrer Gestik teilweise an Stummfilmstars.

Der entscheidende Zündfunke kommt jedoch aus der Musik des Briten Christopher Benstead. Gespielt auf rund 80 verschiedenen Schlaginstrumenten sorgt sie dafür, dass man im Sessel beinahe mittanzen möchte. Die vier Percussionisten, die ihr Werkzeug so behende wechseln und sogar den Mund als Rhythmusinstrument nutzen, sind mit ihrer Kollegin an den Blasinstrumenten so etwas wie die heimlichen Hauptdarsteller des Stücks.

Der frenetische Applaus am Schluss wird tatsächlich nochmals lauter, wenn Tobias Wessler auf die Musiker zeigt. Der Jubel gilt jedoch dem gesamten Ensemble und North, der mit seinem Team Außergewöhnliches wagt. Wie schön wäre es, wenn einige Kinder aus dem Publikum später wieder ins Ballett kämen, weil sie bei „Prinz Rama“ verstanden haben, dass Geschichten nicht zwingend Worte brauchen.