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Premiere in der Fabrik Heeder: In der Wüste verdorrt die Liebe

Premiere in der Fabrik Heeder: In der Wüste verdorrt die Liebe

Becketts „Glückliche Tage“ — ein großer Abend in der Heeder.

Krefeld. Absurd ist relativ. Klar: Dass eine Frau bis zur Hüfte in einem Sandhügel steckt, während ihr Mann dahinter in einem Erdloch lebt, das darf man absurd nennen. Doch abgesehen davon könnten Winnie und Willie in Samuel Becketts „Glückliche Tage“ ebenso gut auf einer beliebigen Couch sitzen. Winnie redet, Willie schweigt, und das schon seit Jahren. Ehealltag jenseits der 50.

Becketts genialer Text, jetzt in der Fabrik Heeder auf die Bühne gebracht, handelt, höflich gesagt, von Entfremdung. Eigentlich geht es um die Zersetzung menschlicher Beziehungen, um das Verdorren von Liebe. Nicht umsonst spielt das Stück in der Wüste. Die Sonne verbrennt alles, sogar den schützenden Schirm.

Durch Winnies nostalgische Anflüge erfahren wir, dass es nicht immer so war, natürlich nicht. Am Anfang muss es so etwas wie Romantik gegeben haben. Willie hat um Winnies Hand angehalten, ihr Haar hat er golden genannt. Wenn sie ihn heute fragt, ob er sie je liebenswert fand, antwortet er nicht einmal. Er ist ins innere Exil abgewandert, liest Zeitung und wartet auf den Tod.

Winnie (Esther Keil) hatte sich mehr vom Leben versprochen. Sie redet pausenlos, weil sie Willies Schweigen nicht ertragen kann. Über die Jahre ist sie zur Meisterin der Selbstberuhigung und des Selbstbetrugs geworden: Wenn sie merkt, wie unglücklich sie ist, lächelt sie die Traurigkeit weg: „Dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein.“

Esther Keil ist überragend in der Rolle. Wie vor einem Spiegel hält sie Winnies Fassade aufrecht, koste es, was es wolle. In kurzen Momenten lässt sie Hoffnung oder Glück aufflackern, Zweifel und Traurigkeit hervortreten und erlaubt auf diese Weise kostbare Blicke in die Seele ihrer Figur. Trotz der blonden Dauerwelle und des billigen Make-ups lässt sie Winnie nie zur Karikatur werden, so sinnlos sie auch brabbelt.

Intendant Michael Grosse hat als Willie deutlich weniger zu tun. Die meiste Zeit hockt er unsichtbar hinter dem Hügel, ab und an kommen seine fahle Glatze und ein Sonnenhut zum Vorschein. Wenn er sich bewegt, ächzt und schabt es hinter dem Bau, als setze sich eine große Echse schwerfällig in Gang. Am Schluss, als er in Anzug und Zylinder zum Vorschein kommt, ist Grosse voll da: Mit einem einzigen Auftritt erzählt er viel über Willie und darüber, wie ähnlich sich die beiden Figuren des Stücks mit ihren enttäuschten Hoffnungen letztlich sind.

Präzise und zurückhaltend wie diese letzte Szene inszeniert Regisseur Nicholas Monu den gesamten Abend. Die Komik in Becketts Text bleibt dabei zweitrangig. Für Monu sind Winnie und Willie tragische Gestalten, Sinnbilder einer alltäglichen Verzweiflung. Der streng geformte Hügel, den Ausstatter Udo Hesse starr wie ein Korsett um Winnie herum gebaut hat, steht auf Augenhöhe, nah am Publikum. Den Sand hat Hesse im ganzen Saal verstreut. Leise, fast unmerklich, knirscht er unter unseren Füßen.

Termine: 26. April, 12., 18., 23., 31. Mai, 20 Uhr. Karten: Tel. 805 125