Paul Prött: Rätsel um Schmuckstücke

Ausstellung : Rätseln über Schmuckstücke

In der Sammlung Paul Prött sind Exponate zu sehen, die prunk- und wertvoller wirken, als sie tatsächlich sind.

In der großen Schmuckvitrine im ersten Obergeschoss des Textilmuseums blinkt es. Zwei mal zwei große, glänzende Silberschalen ziehen die Blicke auf sich. Mit ihren Formen zeichnen sie die Rundungen eines Hinterkopfes nach. Es sind sogenannte Ohreisen aus dem 19. Jahrhundert, die zur Tracht friesischer Frauen gehören. Sie sind in der Ausstellung „Tracht oder Mode“ des Textilmuseums zu sehen.

Ebenfalls groß sind auch einige Exemplare von Fibeln (eine Art Brosche) aus Estland. Voluminöse Silberscheiben, die in Schalen geschlagen und dann mit diversen Verzierungen — beispielsweise Rosetten, Pflanzenranken oder Sternmotiven — versehen wurden, sind im Nordosten Europas modische Bestandteile der Frauentrachten.

Viele Stücke wurden
in Serie hergestellt

Einen gewissen Prunk beweist auch ein Brustgehänge von der Insel Föhr aus dem 19. Jahrhundert. Hier sind es nicht große Metallkörper, sondern viele Ketten und filigrane Formen, die den Wohlstand der einstigen Trägerin widerspiegeln. Silberne und vergoldete Elemente, eine Reihe von Ketten mit unterschiedlich gestalteten Gliedern, in der Mitte ein Medaillon mit Hinterglasmalerei, für die ein Pinsel nur wenige Haare gehabt haben dürfte und in der Mitte ein christliches Kreuz — ein solcher Schmuck scheint eine Wertanlage fürs ganze Leben und vielleicht auch noch die weiblichen Nachkommen gewesen zu sein.

Doch dieser vordergründige Prunk relativiert sich häufig, wenn man auch auf die Rückseiten der Schmuckstücke schaut — wozu der dicke Ausstellungskatalog in einer anderen Ecke des Obergeschosses Gelegenheit bietet. Typisch ist für den Trachtenschmuck, wie es sehr viele Exponate aus der Sammlung Paul Prött zeigen, dass er vom Material und oft auch von der Verarbeitung längst nicht so edel ist, wie er auf den ersten Blick aussieht.

Bei den Schmucksteinen handelt es sich in der Regel um geschliffenes Glas. Oftmals wurde auch nur silberfarbenes Blech verwendet und die Verarbeitung und Befestigung der Bestandteile von Gürtelschließen oder Broschen erfolgte meist in einfachster Handwerkstechnik. „Es ist alles Handarbeit,“ sagt Museumsleiterin Annette Schieck. „Aber die Stücke wurden in Serie hergestellt, Teile vorgefertigt und dann nach Wunsch zusammengesetzt.“ Individuell sind dann natürlich auch Initialen, die unverkennbar als eine Schmuckform verstanden werden.

Solche Buchstaben, aber auch eingravierte Namen, Herstellerstempel und Ähnliches wecken das besondere Interesse der Wissenschaftlerin. Die Forschung nach der Herkunft einzelner Stücke ist ein spannendes wie schwieriges Thema, das bei den Exponaten der Sammlung Prött noch längst nicht ernsthaft angegangen werden konnte.

Für Schieck ist auch die Zusammenstellung der Schmucksammlung und ihre Beziehung zur Textilsammlung von Paul Prött hoch interessant. „Die Sammlungsgebiete sind nicht identisch,“ sagt sie, denn bei den 482 Schmuckstücken, von denen 75 in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind, sind auch Regionen vertreten, die bei den Trachten nicht vorkommen.

Aus den Nummern der erhaltenen originalen Listen der Schmucksammlung, die Paul Prött gewissenhaft geführt hat — inklusive der Ankaufspreise in Reichsmark — lässt sich kombinieren, dass verschiedene kleinere Sammlung zu dieser umfangreichen zusammengefasst wurden.

Da stellt sich auch für die Wissenschaftlerin die Frage, weshalb die Schmucksammlung, die Paul Prött so komplett gekauft hat, gerade diese Stücke, diese Regionen vereint und zu welchem Zweck sie überhaupt angelegt wurde.

Die Forschungen zur Vorbereitung der Ausstellung führten Schieck auf die Spur eines 1906 erschienen Buches von Martin Gerlach. Darin sind Schmuckstücke aus aller Welt in Fotografien abgebildet, die wohl Grundzüge der Schmuckherstellung und charakteristischer Formen zeigen. Es kann vermutet werden, dass die Sammlung, die Prött erworben hat, als konkretes Anschauungsmaterial zu den Abbildungen des Buchs zustande kam. Wer sie in halb Europa und Asien zusammengekauft hat, ist noch nicht bekannt.

Welche Absichten Paul Prött mit dem Verkauf beziehungsweise die Krefelder Gewebesammlung mit dem Kauf der Schmuck- und der Textilsammlung 1943 verfolgten, lässt sich nur vermuten. Vielleicht waren eine Modeschule und zumindest eine Ausbildungsmöglichkeit für Schmuckdesigner geplant, die durch die Originale künstlerische Inspirationen bekommen sollten. Diese beiden Ausbildungsgänge wurden jedoch nicht in Krefeld realisiert.

Mehr von Westdeutsche Zeitung