Museums-Serie : Ordentliche Abreibung

In unserer Serie zu der Sammlungspräsentation der Kunstmuseen Krefeld geht es diesmal um „Frottage“ – die Max Ernst berühmt machte

Heute kennt diese Technik jedes Kind, und sie ist vor allem in der ästhetischen Früherziehung fast so etwas wie eine Eierlegendewollmilchsau. Zumindest hat der Autor dieser Zeilen – und er kann sich noch gut daran erinnern – schon im Kindergarten frottiert. Sprich, ein Blatt Papier auf einen wie auch immer strukturierten Gegenstand gelegt und mithilfe von einem Stift angefangen das Muster durchzureiben. Später in der Grundschule wurde es ein bisschen komplexer – da ging es darum, mehrere Unterlagen mit unterschiedlichen Texturen zu suchen, sie dann für verschiedene Flächen auf einem Blatt auszuwählen und so unterschiedliche Strukturen auf das Blatt zu „pausen“. Im Gymnasiums tauchte dann plötzlich ein Name auf: Max Ernst. Und dieser surrealistische Maler und Bildhauer kann in der Tat – wenn man es ein bisschen großzügiger deutet – als der Vater der Frottage (von „frotter“ das heißt auf französisch „reiben“) gelten.

Die Technik hat seine
Ursprünge in China

Ein Raum – der mit dem passenden Titel „Abdruck und Verwandlung“ – in der Sammlungspräsentation der Kunstmuseen Krefeld ist eben jener Technik und Max Ernst gewidmet. Bei der neuen Dauerausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum werden in 15 Räumen zu 15 Themen einzelne Schwerpunkte der Sammlung des Hauses thematisch geordnet und Teile der Sammlung exemplarisch in Fokuspunkten beleuchtet. In unserer Serie stellen wir diese Räume, die fallweise auch mal gewechselt werden, also eine „Sammlung in Bewegung“ sind, vor. Diesmal also den besonderen Raum, der vor allem auch für Schulklassen, die vielleicht derzeit sich der Technik der „Frottage“ widmen, interessant sein dürfte.

Es wäre aber verfehlt, die große Kunst des Max Ernst, die weit über sich hinausweist, lediglich in diesem schulischen Kontext zu verorten. Ernst gehört eben nicht zu den Künstlern, die man schon vergessen hätte, wären die Arbeiten nicht ideal geeignet, um sie im Kunstunterricht zu „benutzen“. Aber wir sollten erst einmal erklären, wieso denn der Herr Ernst, unweit von Krefeld im rheinischen Brühl 1891 geboren, als „Erfinder“ – und dann eben auch doch nicht – der Frottage gelten kann. Hierzu liefert der Begleittext zu dem Raum eine Erklärung. An der Wand des Raumes im Obergeschoss des Kaiser-Wilhelm-Museums lässt sich nachlesen: „1925 macht der surrealistische Maler Max Ernst eine folgenreiche Entdeckung. Ein ausgewaschener Holzfußboden bringt ihn auf die Idee, die Dielen mit Graphit durchzupausen und direkt auf das Blatt zu übertragen.“

Die Idee, etwas „abzureiben“ klingt aber derart simpel, dass man sich nicht vorstellen, kann, dass Ernst der erste Mensch gewesen sein soll, dem diese „Technik“ einfiel. Nun, hier hilft auch der Begleittext des Museums weiter, denn dort lässt sich nachlesen, dass es sich bei der Frottage auf ein altes chinesisches Verfahren zurückgeht. Wie so oft, haben es also zuerst die Chinesen erfunden, die Technik zumindest derart kultiviert, dass es sich zu einem „Verfahren“ mausern konnte. Somit konnte man alles Mögliche, seien es Holzmaserungen, Baumrinden, Blattaderungen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, von einem Gegenstand „ablösen“.

Und hier wird es philosophisch. Denn durch Frottage wird es möglich, die Spur eines Objektes, indes nur seine Oberfläche, seine Struktur, somit vielleicht auch Teile seiner Form, auf ein anderes Medium derart zu übertragen, dass eigentlich nur die Idee, das Verdrängte, übrig bleibt. Wenn man es auf die Spitze treiben wollen würde: die Aura. Umgekehrt kratzt die Frottage wiederum nur an der Oberfläche und wird somit nie den Kern, das innere Wesen eines Gegenstandes tangieren können. In dieser semiotischen Ambivalenz liegt vielleicht eine der zentralen Faszinosa dieser eigentlich vom rein technischen so trivialen Technik. Eine Methode, die wunderbar in die Sphäre eines surrealistisch denkenden Künstler wie Ernst zu passen scheint.

„Die abgeriebenen, gekratzten oder mit Kämmen aufgetragenen Strukturen verbinden sich in Ernsts Bildern zu schroffen, traumartigen Landschaften. Dabei werden die Ausgangsmaterialien überformt, aber nicht ganz aufgelöst“, formuliert der Begleittext. Aber der Raum bleibt nicht hierbei stehen, so wie diese Idee an sich auch vieles erst möglich machte, was sich nach und parallel zu Ernst manifestieren sollte. Etwa auch in Arbeiten der Künstlergruppe Zero (Günther Uecker, Otto Piene und Heinz Mack). Denn auch hier gilt das Grundprinzip der Frottage als – zumindest mittelbares – Agens des Schaffens: Das eigentliche wird erst durch Übertragung begreifbar. So bei Piene, der „anfangs perforierte Rastertafeln aus Plakatkarton oder Kupferblech als Schablonen nutzt, durch die er dicke Öl- oder Aluminiumfarbe auf die Leinwand drückt.“

Mack trat versehentlich auf Aluminium, und es wurde Kunst

Oder auch Mack, der 1958 „versehentlich auf ein dünnes, am Boden auf einem Sisalteppich liegendes Stück Aluminium tritt“, berichtet das Museum. Plötzlich habe er ein Objekt vor Augen, das das Licht flirren lasse. In seinen daraufhin entstandenen Lichtreliefs genügen schon geringe Ausbuchtungen, um „die Ruhe des Lichts zu erschüttern und in Vibration zu bringen“, sagte Mack selbst. Von Günther Ueckers Nagelreliefs ganz zu schweigen. Mehr Abdruck, von Licht und Schatten nämlich, geht nicht. Es gibt in dem Raum viel zu entdecken – vor allem vielleicht auch die eigene Lust am Frottieren, mit was, wo und wie auch immer.