Oper: 16 Frauen sterben für ihren Glauben

Theater : 16 Frauen sterben für ihren Glauben

Mit der Oper „Die Gespräche der Karmeliterinnen“ holt das Theater Krefeld eine emotionale Geschichte auf die Bühne. Die Premiere ist am Samstag, 26. Januar.

Angst, Aufstände, Aggressionen. Die Bereitschaft, für seinen Glauben, für seine Überzeugung zu sterben: Mit „Die Gespräche der Karmeliterinnen“ holt das Theater Krefeld jetzt eine Oper in drei Akten auf die Bühne, die zur Zeit der Französischen Revolution spielt, in ihrer Thematik aber nicht aktueller sein könnte.

Am 17. Juli 1794 werden 16 Nonnen des Karmeliter-Ordens von Compiègne auf der Guillotine hingerichtet. Zuvor waren sie im Zug der Französischen Revolution aus ihrem Kloster vertrieben und verhaftet worden, weil sie ihren Orden und ihren Glauben nicht aufgeben wollten. „Wir erzählen die Geschichte dieser 16 Frauen, die zu Märtyrerinnen werden, ganz konkret“, sagt Beverly Blankenship, die die Oper gemeinsam mit ihrer Schwester Rebecca inszeniert. Gleichzeitig werde es aber losgelöst von der Französischen Revolution, auch die Geschichte derjenigen sein, „die sich für ihren Glauben töten lassen“. Edith Stein, Rosa Luxemburg, die iranisch-persische Dichterin, die für ihr Plädoyer, Frauen sollten das Kopftuch ablegen dürfen, zum Tode verurteilt wurde: Ihre Gesichter sind zwar nicht Teil der erzählten Geschichte, „aber sie tauchen im Flyer, im Foyer und als Bühnenprojektion im Bühnenraum auf“, wie Dramaturgin Ulrike Aistleitner erklärt.

„Die Gespräche der Karmeliterinnen“ ist die inzwischen vierte Oper, die Beverly Blankenship gemeinsam mit ihrer Schwester inszeniert. Beide sind mit der Oper verwurzelt; der Vater, selbst Opernsänger, hat die Familie früh aus Amerika nach Europa geholt. „Wir waren Zigeuner der Oper, meine Mutter und wir vier Kinder sind ihm von einem Engagement zum nächsten gefolgt.“ Bei der Inszenierung seien sich alle am Theater beteiligten schnell einig gewesen: „Manchmal braucht man viele Tage, um ein Stück überhaupt zu verstehen“, sagt Blankenship. „Diesmal waren wir uns trotz vieler sehr unterschiedlicher Ansichten sehr schnell einig.“

Die Bühne wird zur dokumentarischen Ebene

Für die Premiere von „Die Gespräche der Karmeliterinnen“am 26. Januar, „ein Klassiker des 20. Jahrhunderts“, der am 26. Januar 1956 — also vor genau 63 Jahren — in Mailand uraufgeführt wurde, sei es „höchste Zeit“, findet Aistleitner. „Emotionen, Menschen, Musik“, das ist es, was Regisseurin Blankenship in den Mittelpunkt der Oper stellt, „die Leute sollen über das Stück reden“. Die Bühne wird zur dokumentarischen Ebene — „alles soll hinterfragt werden“. Es ist ein Stück über Märtyrerinnen, aber ist auch eine Selbstmordattentäterin eine Märtyrerin? Und wenn nicht — warum nicht? „Am Ende der Oper entscheidet das Gefühl und nicht der Kopf beim Zuschauer“, hofft Blankenship.

Voller Emotionen sei auch die Musik, die Francis Poulenc (1899 - 1963) 1957 für das Stück komponiert hat. „Sehr tonal, sehr klare Orchesterfarben, sehr sinnlich geschrieben“, skizziert der Musikalische Leiter, Mihkel Kütson. „Das geht schon sehr unter die Haut“, findet Blankenship. Ungewöhnlich ist auch der Platz, den die Niederrheinischen Sinfoniker bei der Oper einnehmen: Nicht im Orchestergraben, der im wahrsten Sinne des Wortes, einen Graben zwischen Musikern und Publikum darstellt, sondern auf der Bühne. „Das Stück spielt sich hinter meinem Rücken ab“, sagt Kütson, „das ganze Orchester ist sichtbar auf der Bühne.“ Dabei versteht der Dirigent es nicht als Aufgabe der Musiker, zu kommentieren. „Das Orchester erzählt keine eigene Geschichte, es unterstützt und gibt die Stimmung für das Bühnengeschehen.“

Der Zuschauer erlebt die Geschichte aus der Perspektive der Adeligen Blanche da la Force, die im Kloster Zuflucht sucht und den Weg der Nonnen schließlich mit ihnen bis zu ihrem Märtyrertod geht. „Blanche ist es wichtiger, nicht so weiter zu leben, wie sie ist, als wimmerndes Geschöpf. Deshalb entschließt sie sich, mit den Nonnen zu sterben“, fasst Blankenship zusammen. „Sie ist sicherlich die Person, mit der sich der Komponist am meisten identifiziert hat.“ Poulenc selbst habe erst nach dem Tod seines Vaters zum Glauben gefunden. „Ich glaube, erst diese Situation hat es ihm erlaubt, diese Musik zu schaffen“, sagt die Regisseurin. So imposant die Musik, so sehr habe man sich bei Bühnenbild und Kostümen zurückgehalten. „Wir beginnen in der Rokkoko-Zeit der Revolution, danach wird es menschlicher.“ Auf historische Kostüme habe man verzichtet, „auch die Menschen sind uns wichtiger als die Klostermauern“, erklärt Blankenship. „Es geht nicht um das konventionelle, sondern um das emotionale Bild.“

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