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Move! – wie die Krefelder Tanztage trotz Corona werden

Fabrik Heeder Krefeld : Move! – wie die Tanztage trotz Corona laufen

Das Krefelder Tanz-Festival geht unter besonderen Bedingungen in die 19. Runde. Es gibt ab dem 10. Oktober zeitgenössischen Tanz, aber auch Tanzfilme zu sehen.

„Move!“, die Krefelder Tage für zeitgenössischen, beziehungsweise modernen Tanz finden statt – unter besonderen, anderen Bedingungen, aber sie wird es geben. Kaum eine Kunstform mag auf so sprechende Weise die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Ich und Du, darstellen, wie zeitgenössischer Tanz oder auch Performance – die Grenzen sind mehr denn je, fließend. Und kaum eine Zeit dürfte mehr danach lechzen, wie die unsrige, durch Corona geprägte, just diese Reflexionen künstlerisch auf- und verarbeitet zu wissen.

Kaum eine Kunstform leidet so unter der Corona-Situation

Zeitgleich dürfte es kaum eine Zeit geben, in der just diese Kunstform, bei der Menschen hoch konzentriert mit ihrem Körper oft nah beieinander an der Grenze zur Ekstase agieren, derart bedroht ist wie in unsriger. Aus multidimensionaler Perspektive, einerseits weil Abstands- und Hygiene-Regeln viel schlicht undenkbar machen, andererseits, weil die Tanzszene durch seine massive internationale Vernetzung wortwörtlich ausgebremst wird, etwa durch Reisebeschränkungen. Gibt es hier zwar Ausnahmen, so ist die Szene zudem dennoch mit massiven Einbrüchen in den Zuschauerzahlen konfrontiert, auch weil Hygienekonzepte, je nach Vorsicht der Veranstalter, sehr reduzierte Publikumszahlen zulassen.

Unter all diesen Bedingungen ist es eine gute Nachricht, dass das Kulturbüro der Stadt Krefeld unter der Leitung von Gabriele König, allen voran aber auch die Kuratorin der Veranstaltung, Dorothee Monderkamp, das 19. Move-Festival möglich gemacht hat. Sowohl für das Publikum als auch die Künstler und schlussendlich für die Kultur der ganzen Stadt, die dieses Fest zeitgenössischer künstlerischer Positionen mehr als schmückt. Unterstützt von der Kunststiftung NRW und dem NRW-Kulturministerium. Und das, was wir dieses Jahr geboten bekommen, kann sich sehen lassen. Bei den Kompromissen, die zwangsläufig gemacht werden mussten, wirkt das Programm dennoch kompromisslos unter dem Primat künstlerischer Entscheidungen.

Dennoch – einige Einschränkungen mussten berücksichtigt werden. Das Festival, das zwischen 10. Oktober und 21. November stattfindet, hat aber aus diesen Rahmenbedingungen das Beste gemacht. Wegen Abstandsregeln muss zwischen Publikum und Künstler vier, zwischen Künstlern selbst anderthalb Meter Abstand gehalten werden – Konsequenz: Man lud vornehmlich Soli oder Duette ein, oder bat Choreografen und Compagnien vorhandene Stücke entsprechend umzuarbeiten. Es sind immerhin vier Premieren geworden. Wegen den Abstandsregeln rückt das Publikum in der Fabrik Heeder weiter nach hinten, womit noch weniger Menschen in der Halle sitzen können, als etwa bei Veranstaltungen des Kresch-Theaters. Insgesamt 30 Personen sind als Publikum zugelassen. Aus diesem Grund wurde entschieden, jeden Tag der Tanztage – jene Programme bestehen aus jeweils vier Programmpunkten – zweimal hintereinander zu veranstalten. Ab 17.30 Uhr und später ab 20.30 Uhr. Das bedeutet insgesamt zweimal 30 also 60 Besucher – mit Abstand.

Aus Corona-Schutz-Überlegungen ergab sich eine weitere Vorgabe: Die gezeigten Stücke sollen nicht länger als 30 Minuten dauern; der Saal muss regelrecht durchgelüftet und nach den Vorstellungen die Bühne desinfiziert werden. Verbunden mit dem Wunsch, dennoch eine große Vielfalt an Tanzkunst zu zeigen – auf ein explizites Gastland musste dieses Jahr wegen Corona verzichtet werden –, ergab sich folgender Modus: Zwei dreißigminütige Performances, gefolgt von einer Pause, bei der das Publikum den Saal verlässt. Die zweite Pause dient schon als Vorbereitung für die zweite Runde der Vorstellung.

Doch, um diese Pausen nicht lediglich als Leerstelle zu akzentuieren, kam den Machern eine wunderbare Idee. Sie sollten sinnhaft genutzt werden. Das Ergebnis wurde eine Kooperation mit dem Tanzfilmfestival Köln. „Moovy“ zeigt Tanzfilme im Studio II der Fabrik Heeder, während das Publikum das Studio I verlassen muss, weil dort gelüftet und desinfiziert wird. Somit beinhaltet jeder Programmablauf an den sechs Festivaltagen insgesamt vier Punkte. Nach einer Performance, Tanzfilmprogramm (ca. 40 Minuten), dann wieder Performance und schließlich nochmal 30 Minuten Tanzfilm. Auf das Rahmenprogramm musste diesmal verzichtet werden. Zudem muss das Format „First and Further Steps“, bei dem sich die junge Tanzszene präsentieren könnte, entfallen, solle aber, so hieß es bei einem Pressegespräch in der Fabrik Heeder, Anfang 2021 nachgeholt werden können.

Kristóf Szabó und F.A.C.E. – Visual Performing Arts zeigen die Arbeit, ein Arrangement, „Waiting for Medusa“. Foto: Mike Kleinen

12 Compagnien zeigen ihre Arbeiten an sechs Tagen

Nichtsdestotrotz ist etwas Gutes, Neues entstanden, ein „Move!“, bei dem auch Film eine zentrale Rolle spielt. Tanzfilm, jenes Genre, das die Grenzen von auf der Bühne stattfindenden Performances durch kunstvolle cineastische Mittel über das real Denkbare dehnen kann, ist eine perfekte Ergänzung zu den Live-Produktionen. Wobei gerade auch die Filme – selbst Kunst – durch ihr stets neues Zeigen immer wieder neu mit Publikum in Dialog treten.

Wir erleben dieses Jahr auch ein „Move!“, bei dem sich in kurzen indes gewiss sehr eindrücklichen Schlaglichtern bunte Positionen der Tanzkultur aus NRW entdecken lassen. Zu Besuch in Krefeld sind diesmal insgesamt 12 Compagnien, manche hier schon gut bekannt, aber auch Neulinge.

Am 10. Oktober eröffnet Henrietta Horn (Essen) „Move!“ mit einer Premiere und einem Themenfeld, das Tanzkunst schon immer umtreibt. Die Beziehung zwischen Klang und Bewegung; kommt Tanz doch ursprünglich aus dieser Ecke, wenngleich sie sich von der Abhängigkeit von Musik auch längst ausdrücklich befreit hat. Auf der Grundlage von „Contrapunctus I“, jener perfekt gefügten Musik Bachs aus „Kunst der Fuge“ fußt die Performance gemeinsam mit visuellem Input von Reinhard Hubert und Musik von Matthias Geuting. Es folgt das Solo von Diana Treder aus „Absence#1 – Deconstruction of bodies“ von Ilona Pászthy (IPtanz, Köln) – im Fokus hier das Verschwinden; der Welt abhandenkommen, bildlich und ganz real, wenn Körper sich entkörpern.

Einige Stücke sind für „Move!“ kreiert oder umgearbeitet

Emanuele Soavi in „PANsolo“, einer speziellen Edition für „Move!“. Foto: Joris-Jan Bos Photography©/Joris-Jan Bos

Am 24. Oktober ist Mitsuru Sasaki aus Wuppertal mit „Piano Piano“ zu Gast. Eine Premiere, die sich intensiv mit der Corona-Krise, auch als Chance zur Entwicklung, befasst und speziell für „Move!“ kreiert wurde. Emanuele Soavi, Incompany (Köln) zeigt eine Special Edition von seiner Arbeit „PAN“ aus 2011: „PANsolo“. Die mythische Figur als Folie für eine Analyse von sozialem Druck, emotionaler Reaktion, Natur, Trieb und ihrer Verflechtung.

Maura Morales aus Düsseldorf kommt am 31. Oktober mit einem Tanzsolo mit Livemusik. „Verweile doch, du bist so schön!“ – der Titel der Premiere bezieht sich auf den perfekten Augenblick, jenes mephistophelische Versprechen nach dem Moment, das sogar Wert sein könnte, die Seele zu verkaufen. „Bodytalk“ aus Münster mit Yoshiko Waki und Justin Brown zeigen „Reisefieber“. Es wird gewiss etwas exzentrischer in dieser „Tanz-Performensch“ (sic); guter Grund sich von dem Zugvogel, so das tragende Motiv, auf Reise entführen zu lassen.

Am 7. November trifft in einem virtuellen Duett, man betritt nacheinander die Bühne, Pascal Merighi („Kompanie merighi I mercy“, Wuppertal) auf Juan Carlos Lerida. Ob, wie es im übrigens sehr schön gestalteten Programmheft heißt, wirklich „radikaler Flamencotanz auf Bausch´schen Expressionismus“ trifft, wird man sehen. Der Titel „Engel und Dämonen, Short NOT.ice #2“ verspricht Gutes. Die Zutaten, in der Tat, einen schöne ästhetischen Spagat. Gefolgt von Kristóf Szabó (F.A.C.E. – Visual Performing Arts, Köln). Intermediales Theater unter dem Motto „Waiting for Medusa“, ein neues Arrangement ihres Stückes „Hairy – Der maskierte Friseur“, das sich mit der symbolisch-mythischen Ebene des Haares befasst. Haare geschnitten oder eben wegen Corona-Lockdown längere Zeit nicht geschnitten, sind ohnehin ein Zeitthema von vielschichtiger Bedeutung.

Cocoon-Dance (Bonn), Rafaële Giovanola und Martina De Dominicis, zeigen am 13. November ihre Uraufführung „Recaptcha“. Ein Solo, in dem Mensch fast skulpturale Qualitäten bekommt. Ein Objekt, oder doch ein beseeltes Wesen? Vielleicht erschreckend, ohnehin aber wahrscheinlich faszinierend. „Overhead Project“ (Köln) gastieren mit ihrem Work-in-Progress „Circular Vertigo“; hier trifft die Kunstform des Circus auf tanzchoreografischen Diskurs.

Stephanie Thiersch (Mouvoir, Köln) zeigt am 21. November ein Solo für Viviana Escalé. „Bruixa“ untersucht Formen weiblicher Selbstinszenierung. Eine Figur am Ende einer Bühnenkarriere, die in immer wieder neue Szenarien schlüpft. Eine Besonderheit – die Tänzerin wird begleitet von einer jungen (11 Jahre) Schlagzeugerin. Als Abschluss wird „Betrachtung“ von Samadhyana Company (Essen) nochmal gezeigt – das Stück war schon 2019 in Krefeld zu sehen. Und passt sehr gut in unsere Corona-Ära.