Move in Town: Tänzer übernehmen die Hochschule in Krefeld

Zeitgenössischer Tanz : Move in Town: Tänzer übernehmen die Hochschule

Die Emanuele Soavi incompany begeistert das Publikum mit einer Offenbach-Choreograhie. Die Aufführung wird am Freitag, 19. Juli, wiederholt.

Das Foyer am Frankenring 20 eignet sich auch als Ballettbühne. Doch nicht nur der Eingangsbereich der Hochschule Niederrhein Fachbereich Design, auch weitere Räumlichkeiten wurden am Samstagabend zu den Orten einer Uraufführung. Aus der Ballettreihe „Move in town“ wurde an diesem Abend ein „Bewege dich durch die Hochschule“.

Die Kölner Emanuele Soavi incompany präsentierte ihren Performance-Parcours „Larmes bouffes — Komische Tränen“.  Mit dieser Produktion begeben sich die Tänzer auf eine Zeitreise in die Welt des Jacques Offenbach. Der 200. Geburtstag des in Köln geborenen Komponisten ist in diesem Jahr ein Thema nicht nur im Rheinland.

Das Krefelder Kulturbüro gab der Compagnie den Auftrag, sich tänzerisch mit diesem Jubiläum auseinander zu setzen. Für die musikalische Begleitung fand Soavi eine äußerst stimmige — wie sehr praktikable — Lösung.

Zwei Stühle im Foyer werden zum Miniatur-Orchestergraben

Offenbach, der heutzutage als Operettenkomponist bekannt ist, war vor seinem Durchbruch in diesem Genre ein hervorragender Cellist und hat auch für dieses Instrument geschrieben. Somit landete der Part der Live Musik während der Aufführung bei den beiden Cellistinnen Katharina Apel-Hülshoff und Anja Schröder, die natürlich Werke von Offenbach spielen.

Zwei Stühle in einer Ecke des Foyers werden zum Miniatur-Orchestergraben und die Fliesen des Foyers zur Bühne für die vier Ensemblemitglieder Frederico Casadei, Abine Leao Ka, Lisa Kirsch, Ko Mihyan.

Der Choreograph sortiert erst einmal mit seinen Ansagen durch ein Megaphon die Zuschauer, dass sie näher kommen und einen großen Kreis bilden. Schnell wird auch ohne Hinweise deutlich, dass Durchgänge geschaffen werden müssen, denn es entwickelt sich ein Kommen und Gehen der Tänzer — die Treppen herunter, durch das Foyer nach draußen und retour.

Daraus entwickeln sich kurze Tanzsequenzen, die man beispielsweise auch als eine Neuinterpretation und Persiflage des Cancan verstehen kann – der Tanzform, die man mit Offenbachs Operetten verbindet. Per Regieanweisungen durch die Flüstertüte zieht das Publikum von rund 100 Personen weiter in den anschließenden langen Flur, der nächster Standort der Performance wird. Hier nutzt der Choreograph den langen Raum um den Drill einer Sportstunde vergangener Zeiten umsetzen zu lassen. Es wird gezählt und sich exakt bewegt in Bodenübungen und kleinen Sprints.

Mit seiner Ankündigung von starken Frauen und starken Männern, die bei Offenbach ein wichtiges Thema seien, dirigiert Soavi die Karawane in den Innenhof. Kirsch und Leao Ka zeigen auf dem Rasen tänzerisch ein breites Spektrum von Beziehungen und Verhalten zwischen den Geschlechtern.

Anschließend führt der Performance-Parcours wieder in ein Gebäude. Die Halle wird zum Ort eines einerseits raumgreifenden Tanzens,  andererseits scheinen sich die Akteure zu Menschenknäueln zu verknoten. Mehrmals quetscht sich ein Ensemblemitglied mit einigen Anstrengungen durch das Knäuel hindurch. Soll es einen Geburtsvorgang darstellen?

In tiefschürfende Gedanken, welchen Bezug es hier zu Offenbach gibt, kann und soll man sich wohl auch nicht begeben, denn da stimmt ein Tänzer unverkennbar eine Cancanmelodie mit dem Megaphon an und lockt wie ein Rattenfänger das Publikum in den nächsten Raum.

Hier sitzen in luftiger Höhe auf einer Raumkante die beiden Tänzerinnen und beginnen schließlich ein Lachduett mit allen vorstellbaren Nuancen. Das steckt an und begeistert das Publikum.

Für einen ruhigeren Ausklang der Performance sorgt Soavi wieder im Eingangsbereich der Hochschule. Die beiden Cellistinnen spielen ein elegisches Stück von Offenbach und entsprechend langsam und mit fließenden Bewegungen setzen die Tänzer*innen dieses um. Auch von den Bewegungen schließt sich der Kreis, auf das schnelle Kommen und Gehen des ersten Aktes folgt hier logischerweise ein langsames Rückwärtsgehen vom Treppenpodest durch das Foyer nach draußen mit Armbewegungen, die man durchaus als ein Abschiedswinken interpretieren kann.

Das Publikum bedankt sich mit einem begeisterten wie langen Applaus bei dem Ensemble für diese Vorstellung. Eine gelungene Uraufführung muss man konstatieren — auch wenn der Bezug zum Thema manchmal schwer nachzuvollziehen ist. Am Freitag gibt es eine zweite Vorstellung am selben Ort.

Mehr von Westdeutsche Zeitung