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Michael Grosse begeisterte in der Fabrik Heeder

Kultur : Ein fabelhafter Generalintendant

Beim Soloabend zog Michael Grosse das Publikum der Fabrik Heeder in seinen Bann.

Die Fabel ist eine der ältesten literarischen Gattungen. Von Äsop, der um 600 v. Chr. in Griechenland lebte, bis hin zu Bert Brecht haben Dichter diese Form der kurzen Erzählung gewählt, um dem Leser Lebensweisheiten oder moralische Ansichten zu vermitteln.

Wie vielfältig und teilweise sehr humorvoll diese Geschichten sind, kann man jetzt in einem neuen Soloabend von Generalintendant Michael Grosse erleben. Unter dem Titel „Wer kann die Wahrheit nackend sehn?“, rezitiert Grosse 75 Minuten lang Fabeln und schlägt vom ersten Satz an das Publikum in seinen Bann.

Dezentes Bühnenbild
erleichtert Positionswechsel

Wie bei seinen bisherigen Soloabenden zu Heinrich Heine oder klassischen Balladen, genügt dem Schauspieler in der Fabrik Heeder ein dezentes Bühnenbild, das aus einem Tisch, einem Stehpult und zwei Stühlen besteht. Diese ermöglichen im Lauf des Abends mehrere Positionswechsel, die zusammen mit verschiedenen Lichtstimmungen eine szenische Gliederung ergeben. Die abwechslungsreiche Struktur ergibt sich aber vor allem aus der klug gewählten Zusammenstellung der Fabeln selbst.

Den humorvollen Auftakt macht Grosse mit dem Stück „Die beraubte Fabel“,  aus der auch der Titel des Abends stammt. Sie stammt aus dem 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, in dem die Fabel mit ihrer moralisierenden Absicht sich besonderer Beliebtheit erfreute. Bereits bei Äsop werden die  Belehrungen am Beispiel von Tieren vorgeführt, die menschliche Eigenschaften widerspiegeln. Grosse trägt einen ganzen Block dieser antiken Fabeln vor, in denen der listige Fuchs oder der stolze Löwe zum festen Personal gehören.

Feinstes Gespür für alle
Stimmungsnuancen

Von pointiertem Witz, über derbem Humor bis hin zu einer nachdenklichen Stimmung ist hier alles zu finden und Grosse zeigt für diese Nuancen wieder feinstes Gespür. So ist es bei der traurig-schönen Fabel „Cupido und der Tod“ ganz still im ausverkauften Saal.

Dort heißt es, dass der Liebesgott Cupido sich einmal in der Höhle des Todes ausgeruht und dort irrtümlich seine Pfeile mit denen des Todes vertauscht hat. Das erklärt, warum noch alte Menschen von der Liebe und manchmal ganz junge Menschen vom Tod getroffen werden. Zwei weitere Akzente setzt Grosse mit mehreren Fabeln von Lessing und dem russischen Dichter Iwan Andrejewitsch Krylow.

Gegen Ende des Abends, der neben aufmerksamem Zuhören des Publikums auch immer wieder vom Applaus gekennzeichnet ist, steht Lessings traurige Geschichte vom alten Wolf, die sich aus sieben Kurzfabeln zusammensetzt.

Mit zwei Texten von den Brüdern Grimm setzt Grosse einen heiteren Schlussakzent und wird mit viel Applaus bedacht.