Menschenfeind: Der Text wird zum Spiegel

Menschenfeind: Der Text wird zum Spiegel

In einer famosen Inszenierung von Christoph Roos hat Molières „Menschenfeind“ Premiere am Krefelder Theater.

Krefeld. Menschenfeind würde man diesen Alceste heute nicht mehr schimpfen. Eine Spaßbremse wäre er wohl, ein Partycrasher der schlimmsten Sorte, einer, der einen Stock verschluckt hat und damit zum Lachen in den Keller geht. Während die anderen lästern und scherzen, flirten und feiern, steht er daneben und pflegt seinen Hass auf die Verlogenheit der Welt, auf die Heuchler, Schleimer und Dummschwätzer, die ihn umgeben. Dass wir diesen Alceste mühelos als den erkennen, der er heute wäre, und seine höfische Welt des 17. Jahrhunderts passgenau zu unserer wird, ist eine von vielen erstaunlichen Leistungen bei der Premiere von Molières „Der Menschenfeind“ am Theater Krefeld. Man muss lange zurückdenken — vermutlich bis zu Reinhardt Frieses „Amadeus“ vor dreieinhalb Jahren —, um sich im Schauspiel an einen solch famosen Abend zu erinnern. Dessen heimlicher Hauptdarsteller ist die Bühne von Peter Scior. Als schräge Fläche hat er sie bis an die Zuschauerränge heran gebaut, über den Orchestergraben hinweg. Unter dem Parkett befindet sich eine ausgeklügelte Konstruktion, die den Boden in eine Art riesige Wippe verwandelt. Er schwankt bei jedem Schritt, kippt zur Seite oder nach vorne weg, gewährt keinen festen Halt. Ein entschlossener Tritt an einem Ende sorgt für Verwerfungen am anderen. Das Leben, ein Balanceakt, Ausrutscher inklusive, Absturz möglich.

Diese Bühne, die nebenbei die Leistungsfähigkeit der technischen Abteilung demonstriert, liefert nicht nur das perfekte Bild für die gesellschaftliche Situation, die Molière beschreibt, sie ist auch ein wunderbares Instrument für physische Komik. Die Figuren im Stück registrieren, auf welch wackligem Parkett sie sich bewegen — und sie gehen ganz unterschiedlich damit um: verunsichert, erstaunt, tänzerisch, plump, immer so, wie es dem Charakter entspricht.

In elegantem, selbstbewusstem Schritt stolziert die Witwe Célimène (Esther Keil) über die Bühne. Ausgerechnet in sie hat Alceste (Bruno Winzen) sich verliebt, dabei verkörpert sie alles, was er hasst. Kokett umgarnt sie jeden, der ihr nützlich sein kann, und lästert über die, die gerade nicht im Raum sind. Mit offensiver Erotik spielt Keil diese Frau, deren unbeugsamer Stolz selbst dann noch sichtbar ist, wenn die Fassade der Siegerin längst bröckelt. Nach „Glückliche Tage“ ist es ihr zweiter Sensationsauftritt binnen weniger Wochen.

Winzen überdreht gelegentlich in seinen Wutreden, doch letztlich zeigt er einen glaubhaft gebrochenen Rebellen, der trotzig um die feine Gesellschaft herumschleicht und giftige Blicke verteilt, um sich wenig später in Célimènes Gegenwart in einen verliebten Trottel zu verwandeln. Das Ensemble, allen voran der lässige Daniel Minetti als talentloser Dichterfürst Oronte und der scheue Paul Steinbach als zaudernder Freund Philinte, spielt insgesamt auf hohem Niveau, mit Ausnahme der sonst so zuverlässigen Eva Spott, die als Arsinoé Tempo und Ton der Inszenierung meilenweit verfehlt.

Sie ist auch die einzige, die den Text in deutlich hörbaren Reimen vorträgt. Bei den anderen Darstellern bemerkt man kaum, dass Regisseur Christoph Roos und Dramaturgin Barbara Kastner eine eher traditionelle Versübersetzung gewählt haben. Spielweise und Sprachstil holen Molières Poesie auf den Boden, doch zerstören sie nicht. Ohnehin ist Roos keiner, der plump modernisiert. Seine Methode besteht darin, Geschichten so weit zu abstrahieren, dass sie zeitlos werden. Sie wirken modern, ohne es explizit zu behaupten. Die Mittel, die er dafür verwendet, sind subtil: ein paar blaue Design-Hocker, die ständig von der Bühne zu rutschen drohen, daneben ein Sektkühler, über allem der Schriftzug „liberté toujours“ (Immer Freiheit), Alcestes Motto oder doch nur der Slogan einer Zigarettenmarke. Hinzu kommen die Kostüme von Sonja Albartus, die eine Zuordnung ins Jetzt nahelegen, ohne sie exakt vorzugeben, und die Musik von Markus Maria Jansen, die elektronisch zwischen die Szenen drängt, halb Lounge, halb Party. Nur einmal übertönen die Klänge das Geschwätz, wie eine akustische Entsprechung der anschwellenden Wut in Alcestes Kopf. Zur Erinnerung: Der Text, der diesem Abend zugrunde liegt, ist 350 Jahre alt. In Roos’ Inszenierung wirkt er wie ein Spiegel. Wir sehen darin: uns selbst, im Jahr 2013.

Weitere Termine: 19., 25. 30. Juni, 5.7., 12., 26. Juli. Karten unter Telefon 805125