Meisterhaft: Bachs verschollene Passion in St. Josef

Meisterhaft: Bachs verschollene Passion in St. Josef

Berührend und einfühlsam singt der Crescendo-Chor vom Leiden und Sterben Jesu. Auch der neue Jugendchor überzeugt.

Krefeld. Johann Sebastian Bach hat neben der berühmten Matthäus-Passion noch weitere Kompositionen zu diesem Thema hinterlassen. Das Werk, das sich auf die im Markus-Evangelium erzählte Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu bezieht, kam in einem eindrucksvollen Konzerts am Karfreitag zur Aufführung. Unter der Leitung von Heinz-Peter Kortmann sang, begleitet vom Rheinischen Oratorienorchester, der Crescendo-Chor in seiner Hauskirche St. Josef.

Die Original-Partitur der 1731 in Leipzig uraufgeführten Markus-Passion ist verschollen, so dass immer wieder unterschiedliche Fassungen zur Aufführung kommen. Für das jetzige Konzert hat Kortmann eine Version von 1997 gewählt, die Bachs Komposition mit Teilen einer Passion seines Zeitgenossen Reinhard Keiser verbindet. Das gilt allerdings nur für die Evangelien-Partie, während die beiden Chöre, die vielen Choräle und die sechs Solo-Arien unzweifelhaft von Bach stammen.

Ungeachtet solcher musikhistorischen Feinheiten zählt das Ergebnis — und das überzeugte auf der ganzen Linie. Vom ersten Ton an nahm diese Passion fast zwei Stunden lang die Zuhörer in der gut gefüllten Kirche gefangen. Die Chorgesänge, im Wechsel mit den von den Solisten gestalteten Rezitativen und Arien, ließen tief in das Geschehen eintauchen.

Der erste Teil umfasst die Ereignisse der Nacht vor der Kreuzigung. Vom Weg in den Garten Gethsemane über den Verrat des Judas bis zur Verleugnung durch Petrus wird das dramatische Geschehen musikalisch abwechslungsreich gestaltet. Tenor Mark Heines beeindruckt mit dem erzählerischen Part des Evangelisten. Mit seiner hellen, klaren Stimme gestaltet er die Rezitative prägnant und einfühlsam. Ihm zur Seite steht mit kleineren Einsätzen der junge Tenor Felix Schmidt. Justus Seeger gibt mit seinem kräftigen Bass der Partie des Christus Profil.

In den Arien, die wichtige Stationen des Geschehens reflektieren, kommen die Sopranistin Ewa Stoschek und die Altistin Ulrike Kamps-Paulsen zum Einsatz. Emotional zu Herzen gehend, besingt Stoschek den Tod Jesu, einfühlsam begleitet vom Solospiel der Violine (Gabi Ziebell). Tiefe Streicherklänge und Cembalo (Kortmann) begleiten dann Kamps-Paulsens schwermütigen Gesang zur Grablegung.

Auch der Chor meistert seine Aufgabe wieder prächtig, darunter auch die jüngsten Mitglieder des neu gegründeten Jugendchors. Unter der umsichtigen Leitung Kortmanns fügt sich alles zu einem eindrucksvollen Gesamtkunstwerk. Am Schluss herrscht erst Stille, dann setzt lang anhaltender Applaus ein.

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