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Matthias Oelrich: Bis heute frech wie Dreck

Matthias Oelrich: Bis heute frech wie Dreck

Schauspieler Matthias Oelrich wird 70 Jahre alt, 50 davon stand er auf der Bühne. Die WZ traf ihn in seinem Kleingarten in Linn.

Krefeld. Das Theater sei „eine Heimat für skurrile und merkwürdige Leute“, hat Matthias Oelrich mal gesagt. Kurz darauf gab er den Vorhangzieher Sassmann in „Heute weder Hamlet“, einen merkwürdigen Gernegroß, der dank eines Vorstellungsausfalls sein lächerliches Leben vor dem Publikum ausbreiten darf.

Er spielte die Rolle, wie so oft, mit kleinen Gesten und großem Herzen, bis der seltsame Sassmann unbemerkt zur anrührenden, zutiefst menschlichen Gestalt geworden war.

Oelrich selbst wirkt kein bisschen merkwürdig, als er an diesem Maimorgen winkend am Gartentor steht, den Rechen in der Hand, eine Lederweste über dem braunen Karohemd. In seinem Kleingarten in Linn, den er auf seine alten Tagen gepachtet hat, sieht er wie ein beliebiger Rentner aus, der seine Laube auf Vordermann bringt. Nur das schelmische Lächeln verrät, dass er es faustdick hinter den Ohren hat.

So wie die kleinen Augen hinter der Brille funkeln, mag man kaum glauben, dass Oelrich am Donnerstag 70 Jahre alt wird. Das Theaterleben hält jung, die ewige Sucht, sich neu zu erfinden, mit jeder Rolle bei null anzufangen. Seit fünf Jahrzehnten steht Oelrich auf der Bühne, anfangs in einer Weise, die man heute Comedy nennen würde: „20 Minuten Blödsinn“, heißt das bei Oelrich.

„Überhaupt bin ich Schauspieler geworden, weil ich vorher Klassenkasper war.“ Das Komödiantische liegt ihm im Blut, obwohl er in 15 Jahren am Niederrhein auch in tragischen Rollen als „Der Geizige“ , „Nathan, der Weise“ oder Handlungsreisender Loman tiefen Eindruck hinterlassen hat.

Den Humor braucht man wohl, wenn man als sensibles Kind unter Bauern im Schwarzwald groß wird. „Ich habe immer gedacht: Ihr seid stärker, aber ich bin frech wie Dreck.“

Es ist eine Kindheit der Extreme. Mit drei Jahren erkrankt Oelrich an Hirnhautentzündung, wie zwei andere Kleine im Dorf. Eins stirbt, eins bleibt geistig behindert, Oelrich überlebt. „Ich wusste: Es kann mir nichts mehr passieren, was mir nicht schon passiert ist.“ Als er fünf Jahre alt ist, wird bei seiner Mutter Krebs diagnostiziert, ihr Sterben dauert zehn Jahre. „In der Zeit habe ich mir so einen komischen Panzer angeschafft“, sagt Oelrich. Darunter findet er die Figuren, die er spielt. „Der Beruf ist eine Therapie für verkorkste Kinder.“

Die Schule hasst er, nach dem Tod der Mutter landet er im Internat. Der Vater hat einen Posten beim Statistischen Landesamt in Stuttgart und kommt nur an den Wochenenden nach Hause: „Ich wollte alles das nicht werden, was er gewesen ist.“

Mit der Klasse im Internat sieht Oelrich die ersten Theaterstücke, eine Idee reift in ihm. Als er in Stuttgart bei der Schauspielschule angenommen wird , ist der Vater beleidigt. „Erst nach 20 Jahren hat er mich erstmals im Theater gesehen.“

Da hatte Oelrich schon viele Stationen hinter sich, weil er in einem Metier der Wandervögel ein besonders rastloser Kauz war. Gleich am ersten Theater, 1966 in Mannheim, half er, den Intendanten abzusägen — sich selbst allerdings gleich mit. „ Danach hatte ich ein Häkchen hinter meinem Namen.“ Oelrich war politisch. Wie viele andere 68er hätte er den Mitgliedern der RAF nicht die Tür vor der Nase zugeknallt.

Dass der Rebell in ihm weiterlebt, hat er bewiesen, als die Politik das Theater 2009 kaputtsparen wollte. Als einer der wenigen erhob er die Stimme, laut hörbar im Foyer, nach einer Premiere. In 45 Jahren habe er nie „so viel Ignoranz, Zynismus und Dilettantismus in der Kulturpolitik“ erlebt. Das saß. Eine Woche später stand das Publikum demonstrierend auf dem Theaterplatz.

Sie mögen ihn in Krefeld, wo er seit 1997 Jahr für Jahr geblieben ist, auch weil er es schön findet, „dass man den Leuten was bedeutet“. Fest engagiert ist er nicht mehr, doch ein gern gesehener Gast, der es sonst genießt, ohne Stundenplan aufzuwachen, Bergwandern zu gehen, „Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen — „wenn ich nicht einschlafe“.

Natürlich schmiedet er auch Pläne: Ein satirisches Stück über Hitler will er schreiben, selbst die Hauptrolle spielen, im Trainingsanzug, fies und komisch zugleich. Eine merkwürdige Idee für einen Kleingärtner im Karohemd.