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Mann, Beethoven und der Kunst-Schein

Kultur : Mann, Beethoven und der Kunst-Schein

Der Abend am Theater Krefeld kreiste um den Komponisten. Mit einer Lesung aus Doktor Faustus, op. 111 am Klavier und einem Pas de deux.

„Zuletzt wirft immer die Kunst den Schein der Kunst ab“, lässt Thomas Mann den stotternden Wendell Kretzschmar in seinem Roman Doktor Faustus in brodelnder Erklärlust über Beethovens letzte Klaviersonate hinausrufen. Ein Satz, der vielleicht etwas zu aphoristisch ist, aber scheinbar dennoch so wunderbar auf so viele Erscheinungen aus der Sphäre des Schönen und Wahren anwendbar ist. Auch auf einen besonderen Abend, der nun im Theater Krefeld zu erleben war.

Mann, dessen Sprache man nun lieben oder hassen kann, die aber in ihrer Formulierfreude, Kultur, Haltung, Eleganz und Vieldeutigkeit kaum übertroffen ist, verleiht jeder Veranstaltung einen nach guten Büchern und altem Holz duftenden Hauch bildungsbürgerlicher Exklusivität – will man das nun mögen oder auch nicht. Ganz nebenbei summiert der Romancier in seinem während, ab 1943, und kurz nach dem Krieg, 1947, entstandenen Musikroman herrlich treffende Bonmots, nicht nur über Beethovens op. 111, sondern über Musik und Kunst allgemein. Im Spannungsfeld zwischen Genialität, harter Arbeit, Hochstapelei und Wahn. Ein Künstlerroman, der an der Figur des Komponisten Adrian Leverkühns den Faust-Mythos, das Verscherbeln der eigenen Seele an den Teufel des – künstlerischen oder nicht – Höhenfluges Willen, in eine damalige, indes heute noch funktionierende zeitlose Gegenwart hievt. Und dieses Hinabtauchen in den klebrigen Sud verwesender Menschlichkeit, um in der Kunst wahrlich Großes zu leisten, hat dann so gar nichts Bildungsbürgerliches mehr; riecht mehr nach Gosse und Schwefel.

Wie viel von diesem Mythos auch in Beethoven steckt, sei dahingestellt. Aber das ins Wasser – oder in Corona – gefallene Beethoven-Jahr scheint in seiner Brüchigkeit ein perfekter Anlass zu sein, die nicht minder doppelbödige Auseinandersetzung Thomas Manns mit dem Komponisten-Jubilar in ein künstlerisches Programm einzubinden.

Alle drei Teile des Abends wirken auf ihre Art pur

Bemerkenswert an dem Abend, der sich Beethoven widmete, war, dass er in seiner puristischen Form, in seinem reinen unverstellten Dreiklang aus Rezitation, einem pianistischen Vortrag und einem Zitat aus Robert Norths Beethoven-Ballett, gar nicht erst versuchte etwas zu überdecken, was offen lag. Ganz im Sinne von „Kunst, die den Schein abwirft“ zeigten sich die Protagonisten im besten Sinne ganz bei sich und ihrer Kunst.

Michael Grosse, der Generalintendant, als Rezitator. Der zunächst einleitend „stimmungsbildende“ Schilderungen Manns zur allgemeinen Szenerie in der fiktiven Stadt Kaisersaschern zitierte, um schließlich die Episode von Wendell Kretzschmars Vortragsabend zu lesen, in der viel über jene Klaviersonate gesprochen wird. Ganz konzentriert aggregiert Mann ein mitziehendes Charakterbild einer ganzen Generation von Musikanalytikern und schlussendlich einer Sonate. Grosse gelang es vor allem auch, die mitschwingende Ironie trefflich zu transportieren, sprach – gefühlt – recht flott und eher direkt, sodass er offenbar das „salbungsvolle“ vermeidend eine gewisse Kitsch-Gefahr umschiffen wollte. Diese gibt es aber bei Mann nicht. Und kennt man Gert Westphals bis dato unübertroffene Hörbuch-Einlesungen, so weiß man darum, dass süffisantes auf Manns sprachlicher Politur Gleiten nicht auf Kosten einer Feierlichkeit und auch mal hypnotischen Sanftheit gehen muss. Ein bisschen Anrühren – also mehr „Schein der Kunst“ hilft dem die Texte des Zauberers Thomas Mann für Sprachmagie zu nutzen. Andererseits ist Grosse in seiner authentischen und souveränen Art über Zweifel erhaben.

Wie verhielt es sich mit dem Interpreten jener Klaviersonate in c-Moll? Jenem besonderen Klavierstück, das auf dem zunächst einsam mitten auf der Bühne stehenden Flügel, nach der Rezitation erklingen sollte. In Manns Roman wird Kretzschmar, der Vortragende, als Organist mit deftig derbem Anschlag beschrieben – so hart, dass der Erklärer am Flügel dazu gezwungen gewesen sei, seine Erläuterungen schreiend zum Besten zu geben. Unser Pianist André Parfenov schien sich diese Tugend ein wenig zu sehr zu Herzen genommen zu haben. Obzwar er kein Organist ist, bei denen ein wuchtiges Herunterpressen der Tasten unzweifelhaft zu einer Art unschönen Gewohnheit gehört, ließ er das Publikum mit überaus markantem Spielgewicht einen vor Kraft strotzenden Beethoven hören. Auch er schien ganz pur dabei. Ausgezogen waren irgendwelche „kunstvollen“ Allüren oder pianistischer Schabernack mit dem Virtuosen versuchen die Wallung im Publikum emporsteigen zu lassen. Der Pianist wirkte fast etwas zerknirscht.

Umso mehr Herzblut strömte in sein Spiel. Aber: Eine Beethoven-Sonate dieses Kalibers lässt sich nur schwer fehlerfrei spielen, wenn man zwischenzeitlich die Seiten umschlagen muss. Vor allem im zweiten Satz ließ Parfenov ein wenig „lyrische“ Zartheit vermissen, wenngleich das wilde Stampfen an anderen Stellen richtig schön illustrativ anmutete.

Illustrativ war eigentlich auch Robert Norths Beethoven-Ballett angelegt. Doch das Pas de deux daraus, was nun Irene van Dijk und Alessandro Borghesani – sonst auch ein Paar und somit vor Corona-Distanzregeln gefeit – als Finale dieses Abends tanzten, atmete hier und jetzt viel mehr Tiefe. Mit hervorragend auf den Punkt zwischen Spannung und Entspannung changierenden Bewegungen zeigten die beiden, ebenfalls begleitet von Parfenov, zur Musik des ersten Satzes der Mondscheinsonate Beethovens höchste Tanzkunst.

Ein Dreiklang aus Sprache, Musik und Bewegung – ein purer, ehrlicher Beethoven-Abend.