Krefeld: Lesung: Zeitreise in die Welt von Alma Mahler

Krefeld: Lesung: Zeitreise in die Welt von Alma Mahler

Wie sieht die Liebe eines Paares Anfang des 20. Jahrhunderts aus? Johanna Lindinger und Michael Grosse haben im Habima Einblicke in das Leben der Mahlers gegeben.

Krefeld. Einen „Helau-Reflex“ schien in diesem Publikum keiner zu besitzen. Veranstalter Joachim Watzlawik bestätigte, dass es eine gute Entscheidung war, die Lesung „Liebste Almschi! - Alma Schindler und Gustav Mahler in Briefen, Aufzeichnungen und Tagebüchern“ auf einen der höchsten rheinischen Feiertage zu legen. Zum anderen sollte die Lesung auch der Auftakt für eine Kooperation zwischen dem Jüdischen Kulturzentrum Krefeld Habima und dem Verein Literatur in Krefeld sein. „In loser Folge wollen wir gemeinsame Veranstaltungen durchführen“, sagte die Vereinsvorsitzende Michaela Plattenteich. „Das ist hier ein schöner Raum im Jüdischen Kulturzentrum. Und zum anderen hat es auch ganz praktische Gründe. Denn wir haben im Niederrheinischen Literaturhaus an der Gutenbergstraße nur 30 Sitzplätze.“ Da hätte man mit der Mahler-Lesung schon zwei Abende füllen können.

Die Schauspielerin Johanna Lindinger und den Generalintendant und Geschäftsführer des Theaters Krefeld Michael Grosse hatte man für die Zeitreise in die Wiener Gesellschaft und das Künstlerleben an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert engagiert. Bei der umfangreichen Korrespondenz und anderen Aufzeichnungen von Alma Mahler, geborene Schindler (1879-1969), und Gustav Mahler (1860-1911) gab es genügend historische Originaltöne, die die Wiener Dramaturgin Doris Happl für diese Lesung zusammengestellt hatte.

Grosse beginnt seinen Part mit einer Mini-Biografie von Alma, die er jedoch in einem solchen Eiltempo vorliest, dass es dem Publikum kaum möglich ist, diese Fülle an Informationen aufzunehmen. Doch dann wird der Gedankenaustausch der beiden zu einem sehr lebendigen und hervorragend nachvollziehbarem Spiegelbild von den Träumen einer jungen Frau und ihren Beziehungen zu namhaften Männern. Ihre erste große Liebe galt Gustav Klimt. „Ich war von einer sträflichen Ahnungslosigkeit in Sachen Liebe“, konstatiert die 17-Jährige.

Almas Wunsch, Komponistin zu werden, bringt sie mit Alexander von Zemlinsky zusammen, bei dem sie Unterricht nimmt. „Ein grandioser Lehrer“, schwärmt sie, aber sie sieht ihn auch als Mann und stellt fest: „Ich passe doch gar nicht zu ihm.“ Dann lernt Alma Gustav Mahler kennen und beschäftigt sich mit der Frage „Wie werde ich es Alexander sagen, ich bin mit Mahler per Du?“ Zwischen Alma und Gustav wächst die Liebe. Er: „Ich bin durchdrungen von den heiligsten Gefühlen.“ Und sie ist sich ihrer Liebe natürlich auch sicher.

1902 heiratet Alma den 19 Jahre älteren Gustav. Ihre kompositorischen Ambitionen erhalten bald einen Dämpfer, als Teil eines komponierenden Ehepaars will Gustav nicht leben. Selbstverständlich steckt Alma zurück: „Ich muss die kleinen Launen eines großen Genies ertragen“. Er schätzt sie als „klugen Hausverwalter“. Für ein paar selbst komponierte Lieder muss Alma dann doch die Gelegenheit gefunden haben. Ein Beispiel wird in der Lesung von einer CD angespielt.

Auch weitere Musikfragmente unterbrechen die Gespräche zwischen Lindinger und Grosse. Sie verstärken schön die Atmosphäre, die die beiden mit ihren Worten schaffen. Die Musik gibt auch Gelegenheit, die Äußerungen etwas nachwirken zu lassen. Es wäre jedoch hilfreich gewesen, wenn man elegant minimale Informationen gegeben hätte wie den Namen des Komponisten und des Stückes. So schweben unerkannt Klänge der „Krefelder Sinfonie“ vorbei, schließlich dirigierte Gustav Mahler die Uraufführung seiner dritten Sinfonie im Juni 1902 in der Samt- und Seidenstadt.

Doch dieser kleine Mangel schmälerte nicht das Vergnügen einer höchst anschaulichen und sehr menschelnden Zeitreise in Rollenverständnisse und Künstlerleben um 1900.