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Ballett: Leise Schritte statt technischer Bravour

Ballett : Leise Schritte statt technischer Bravour

Die Premiere des Ballettabends „Eine Frau ohne Namen“ von Robert North begeistert das Publikum.

Krefeld. Es scheint sich zu lohnen, in den Himmel zu kommen. Dort singt ein gemischter Chor von einer Empore herab, begleitet von einem Symphonieorchester. Engel in pastellfarbenen Kostümen zwischen Schlaf- und Kampfsportanzug umgarnen in einem Initiationsritual den Neuankömmling.

Von den jucheizenden Stimmen begleitet, verwandelt der sich in ein weißes Himmelswesen. Von wegen jüngstes Gericht. Gemälde aus der Renaissance mit Engelsdarstellungen haben Ballettchef Robert North zu dem oratorienartigen Finale seines Abends „Eine Frau ohne Namen“ inspiriert.

Das Handlungsballett um eine anonyme Frauengestalt endet in religiöser Verklärung. Es beginnt im Schoß der Erde, wo sich Tänzer wie Würmer am Boden winden. Sie richten sich auf, taumeln noch und tanzen bald unbeschwert durchs Leben. Eine Sopranistin (Julia Danz) begleitet die Menschwerdung. So bettet der Choreograph das Schicksal seiner Protagonistin in den existenziellen Zyklus des Lebens.

„Eva“ lautete sinnfällig der ursprüngliche Titel, unter dem North seine Kreation am Göteborger Opernhaus 1996 herausbrachte. Für die Premiere am Theater Krefeld/Mönchengladbach überarbeitete er das Ballett offenbar so stark, dass er auch den Titel änderte. Die Geschichte der Durchschnittsfrau erzählt er dicht und sensibel. Als kleines Mädchen in weißem Kleid entspringt sie im Prolog wie eine Sonnengeburt aus einer Gruppe von Tänzern vor einem hellgelben, malerischen Kreissymbol. Kinder unterschiedlichen Alters deuten ihre Entwicklung an.

Es folgen erste Jugendliebe, Eheglück, Familie. Als die beste Freundin sie mit ihrem Mann betrügt, stürzt sie in eine tiefe Krise. Die berufliche Karriere als Autorin, symbolisiert durch an der Rückwand baumelnde Bücher, richtet sie wieder auf. Doch auch in der zweiten Ehe mit ihrer Jugendliebe sucht sie die Erinnerung an den Ex und die Freundin immer wieder heim. Ergraut und altersmilde, gewährt sie Versöhnung. Dann ein schneller Tod am Schreibtisch. Gute Zeiten, schlechte Zeiten also. Elisa Rossignoli durchlebt sie ganz verinnerlicht.

Diesen biografischen Bogen schlägt North in seiner klaren, elegant-lässigen Tanzsprache. Sie ist geprägt von klassischem Ballett und auch Anleihen beim Modern Dance, war der Amerikaner doch vor Jahren Tänzer bei der Legende Martha Graham.

Dieser Stil wirkt aus der Zeit gefallen und ist doch, anmutig und sauber getanzt, eine Freude. „Eine Frau ohne Namen“ verzichtet auf technische Bravour und setzt auf „leise Schritte“. Es ist nicht das stärkste Ballett von North.

Eine allzu starke Emotionalisierung erfährt das Ballett durch die Komposition von Howard Blake. Der Brite, international bekannt durch Filmmusiken, verwendete für die Ballettmusik zu „Eine Frau ohne Namen“ verschiedene Teile aus seinem Werk: das Violinkonzert, die Toccata sowie das Oratorium Benedictus für die spektakulär-sakrale Schlussszene. Unter der Leitung von Alexander Steinitz entfalten Solo-Sopran, -Violine, -Viola, Niederrheinische Sinfoniker und Chor ein fantastisches Klangbild. Dennoch: Der Amerikaner trägt am Ende zu dick auf, überhöht seine Geschichte in spirituelle Höhen, denen man nicht mehr folgen mag.

Das Krefelder Premierenpublikum riss der Abend zu stehenden Ovationen hin. Für Robert North, seit längerem erkrankt, nahm sie seine choreographische Assistentin und Ehefrau Sheri Cook entgegen.