Kultur: Kurt Tucholsky: Grosse liefert eine Wohltat für die Ohren

Kultur : Kurt Tucholsky: Grosse liefert eine Wohltat für die Ohren

Humorvolle Werke eines Gesellschaftskritikers überzeugen auf der Bühne des Theaters hintenlinks.

Krefeld. Die freie Kulturszene leidet nicht nur in Krefeld Not. Umso kollegialer ist es, wenn stärker geförderte Kulturschaffende wie Theaterintendant Michael Grosse Herz und Engagement zeigen und kleinen Bühnen wie dem Theater hintenlinks künstlerisch unter die Arme greifen. Grosse tat dies am Sonntagnachmittag nicht zum ersten Mal. Schließlich tritt er in der alten Brotfabrik an der Ritterstraße auch zusammen mit Anuschka Gutowski in dem Dauerbrenner „Dinner for one“ auf und interpretiert die legendäre Miss Sophie auf unnachahmliche Weise.

Diesmal hatte sich Grosse Texte von Kurt Tucholsky ausgesucht, und zwar eine wohlfeine Mischung aus Literatur- und Alltagsgeschichten, so dass es an Abwechslung nicht fehlte. Selbst wenn die Geschichten naturgemäß aus einer anderen Zeit stammen, hat ihr hintergründiger Sinn nichts an Aktualität verloren. Tucholsky (1890 — 1935) war als politisch engagierter Journalist und Schriftsteller einer der bedeutenden Publizisten der Weimarer Republik. Da er sich als Demokrat und Pazifist auch als Gesellschaftskritiker, Satiriker und Kabarettautor einen Namen machte, ist er für eine Lesung ein dankbarer Textgeber — auch in Sachen Humor.

Doch eine Lesung steht und fällt mit ihrem Vorleser. Michael Grosse gehört zweifelsfrei zu den Interpreten erster Güte, die auf der Bühne Kraft und Energie ausstrahlen. „Er ist mit seiner sauberen klaren Sprache eine Wohltat für die Ohren“, sagte eine Besucherin. Kein Nuscheln, wie man es bei TV-Schauspielern immer häufiger erlebt. Keine aufgesetzte, übertriebene Sprache und Gestik, wie man sie bisweilen von Theaterschauspielern kennt. Vielmehr verfügt Grosse über das Talent und Können, mit akzentuierten Worten und wohldosierten Gesten Tucholskys Texte mit einem Spannungsbogen zu versehen, der das Publikum bei Laune hält. Der Applaus gibt ihm recht.

Tucholskys Sprache tut ihr Übriges dazu. „Wenn sie mir entgegen schwoll, war das ganze Zimmer voll“, regt die Fantasie geradezu an. Humor verrät der Schriftsteller auch in seinen zehn Geboten für einen Geschäftsmann, der einen Künstler engagiert. Neben der Frage „Kann ich das gebrauchen?“ ist das erste, vierte und zehnte Gebot gleichlautend: „Lass ihn (den Künstler) in Ruhe.“ Amüsant auch die Applausregelung für das Publikum je nach gesellschaftlichem Rang des Künstlers.

Die ganze Lebenserfahrung des Alters gibt der Schriftsteller dem jungen ungestümen Tucholsky in einem Interview mit sich selbst auf den Weg. Erfolg habe nur, wer sich vor Geld, Macht und den Frauen beugt, wer Schweigen lernt und nicht auf der Wahrheit beharrt. Überhaupt geht es in vielen Geschichten um Lebensweisheit, so auch bei den Gedanken eines Mannes, der immer zu spät kommt und sich schlussendlich vorstellt: „Ich heiße Glück.“ Selbst den letzten Gedanken lässt Tucholsky nicht aus. Schon im Sarg liegend sinniert er: „Ich schweige tief und bin mich endlich los.“ Sein Nachruf: „Ach.“