Kristian Kokol: Ein nachdenklicher Clown

Comedy : Ein nachdenklicher Clown

Kristian Kokol trat als Comedian in Fernsehshows auf. Mittlerweile ist er seltener auf der Bühne, auch weil er mit der Unterhaltungsszene fremdelt.

Der Mann, der hunderte Menschen gleichzeitig zum Lachen bringen kann, wirkt unsicher. „Wir sind zum Interview verabredet, richtig?“, fragt Kristian Kokol. Dabei steht der 38-Jährige längst im Redaktionsgebäude, vor ihm der Reporter mit Zettel und Stift.

Kokol ist Komiker, er trat in großen Sälen im ganzen Land und in Fernsehsendungen wie TV-Total und dem Quatsch-Comedy-Club auf. Doch auf eine Dauerbeschallung mit Gags verzichtet er abseits der Bühne. Kokol ist ein Zweifler.

Er schaffte es um das Jahr 2013 in die Spitzengruppe der deutschen Comedyszene, doch die Zwänge der Branche wollte und will er nicht akzeptieren. Nun ist er nach aufregenden Jahren noch Halbtagswitzbold, parallel arbeitet er als Fachkraft für Veranstaltungstechnik.

Versteckt unter einer grauen Wollmütze spricht Kokol von Wellenbewegungen in der Unterhaltung: „Morgen bist du Star, übermorgen ein No Name.“ Aktuell seien schräge Figuren nicht gefragt. Ihre Zeit komme wieder, da ist sich Kokol sicher.

Eine schräge Bühnenfigur brachte ihm den Erfolg. Vor Publikum verkörpert er mit quiekender Stimme einen jungen Mann, der ohne Probleme als Quartalsirrer durchgehen würde. In seinen bekanntesten Nummern sinniert er über die Vorzüge des Papiers der Kette Backwerk und erzählt, wie er Schmetterlinge raucht. „Am Anfang ging es mir nicht um das Lachen, sondern um die Beklopptheit“, sagt Kokol.

Mit 25 Jahren startete er 2005 seine Karriere auf einer offenen Bühne in Köln. Er wollte einen seiner Texte einfach mal anderen präsentieren. Das Publikum sei begeistert gewesen. Er schaffte es zu Nightwash, dem wohl bekanntesten Comedyformat für Nachwuchskünstler. Der Erfinder der Show Knacki Deuser habe ihn gefördert, erinnert sich Kokol. Dann habe er den wichtigen Pantheon-Preis gewonnen: Der Ausgangspunkt eines rasanten Aufstiegs. Während er über diesen Rausch spricht, starrt Kokol gedankenverloren auf den Tisch.

Alles lief furchtbar schnell. Kokol bekam eine Kolumne im Jugendradio Eins Live, wurde zu Fernsehauftritten eingeladen und erhielt ein professionelles Management. „Ich konnte von der Comedy leben“, sagt Kokol. Bei Fernsehauftritten habe er hohe dreistellige bis vierstellige Gagen erhalten. Ein eigenes Abendprogramm auf der Bühne sei noch etwas lukrativer. „Irgendwann brauchte ich sogar einen Steuerberater“, sagt Kokol. Eine Ampel auf dem Ostwall habe er sicher finanziert, scherzt er. Für einen Moment ist es da, dieses kurze, leicht verzögerte Kokol-Lachen aus seinen Shows, in das der Zuhörer unweigerlich einstimmt.

Kokol hatte das geschafft, was nur wenige Unterhalter in Deutschland packen. „Viele scheitern, weil ihnen Glück oder ein Fürsprecher fehlt“, sagt Kokol. Man müsse zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Für ihn entwickelten sich die Regeln der Branche zum Hindernis. „Ich stelle mich selber in Frage“, sagt er. Daher sieht Kokol wohl manches kritisch. Einst habe er auf einem Kreuzfahrtschiff gespielt: „Ich habe New York als Reiseziel gelesen und war dabei.“ Das würde er nicht wiederholen, sagt er: „Mich stört, wie solche Schiffe der Umwelt schaden.“

Die ernüchternden Erlebnisse häuften sich. Kleine Bühnen, die er so schätzte, hätten geschlossen, sagt Kokol. Sein Management habe verlangt, dass er immer mehr Clips für die Videoplattform Youtube produziert: „Aber ich wollte nicht alles hochladen, um einfach irgendwelche Zeiten voll zu machen.“

Stets habe er seine Gags selber schreiben wollen, sagt Kokol. Ab einem gewissen Bekanntheitsgrad hole das Management aber Autoren dazu. Ziel ist es offenbar, das Programm mit hoher Geschwindigkeit weiterzuentwickeln. Neue Hammer-Pointen erarbeiten, statt sie aus kreativer Eingebung zu generieren. Kokol wollte das nicht. „Dafür muss man gemacht sein“, sagt er und schiebt hinterher: „Wahrscheinlich habe ich zu oft nein gesagt.“ Er spricht ganz ruhig, ganz langsam.

Da ist keine Spur von dem jungen Mann, der auf der Bühne „Clown“ sein möchte und den aufgedrehten Helge Schneider bewundert. Kokol macht trotz allem weiter. Er habe Meilensteine erreicht, die ihm wichtig seien und stehe dem Leben mit gesundem Augenzwinkern gegenüber. Mittlerweile schreibt er häufiger Texte, die er im Internet veröffentlicht. Seine Heimatstadt Krefeld ist der Kreativität dabei durchaus zuträglich. Im Rheinland werde ja gerne gelacht. Und Krefeld als Stadt „jenseits von Gut und Böse“ generiere ohnehin viele heitere Geschichten.

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