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Krefelder Jazzherbst: Jazz mit stark europäischem und klassischem Einschlag

Jazz : Jazz mit stark europäischem und klassischem Einschlag

Der Gitarrist Ronny Graupe gastierte mit seinem Trio „Spoom“ beim „Jazzherbst“ des Jazzklubs in der Kulturfabrik

Geradezu ungestüm startete die Reihe Jazzherbst des Jazzklubs Krefeld vor zwei Wochen mit der Altsaxofonistin Angelica Niescier in der Kulturfabrik. Diese Charakterisierung ergibt sich vor allem im Rückblick, nämlich im Vergleich mit dem zweiten Konzert der Reihe, das der in Berlin lebende Gitarrist Ronny Graupe jetzt mit seinem Trio Spoom gab. Graupes Musik kam zwar nicht unterkühlt, aber doch viel zurückgenommener, intellektueller, kalkuliert strenger, artifizieller daher – und weniger jazzmäßig obendrein.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ ernannte Ronny Graupe schon vor vier Jahren zu „Jazz-Deutschlands neuem Supergitarristen“, was für ein unsinniger Superlativ. Passender wäre, das konnte man jetzt in Krefeld feststellen, von einem der ungewöhnlichsten Gitarristen der aktuellen Jazzszene zu sprechen.

Ronny Graupes Klangbild
ist klar und hell

Das Gewöhnlichste an Graupe scheint zunächst noch seine Gitarre, die von Ferne einer Gibson-Halbakustik-E-Gitarre ähnelt. Aber er spielt, nicht nur im Kontext Jazz ungewöhnlich, ein Instrument mit sieben statt der üblichen sechs Saiten. Dann sitzt er beim Spielen, was für die Kollegen aus der Klassik mit ihren akustischen Instrumenten üblich, für E-Gitarristen aber unüblich ist. Auch das Klangbild wirkt klassisch, selbst wenn die Spieltechnik, die Plektronanschlag und Zupfen kombiniert, im Jazz weit verbreitet ist.

Aber Graupe verzichtet weitgehend auf jegliche Soundeffekte, elektronische wie die Verzerrung und spieltechnische wie etwa das Ziehen der Saiten. Sein Klangbild ist also klar und obendrein hell. Das bringt unter anderem mit sich, dass selbst in schnellen Läufen, die er oft und virtuos zu bieten hat, die Töne akustisch nicht miteinander verschmelzen, sondern in transparenter Plastizität für sich hörbar bleiben. Insgesamt scheint Graupe mehr an einem Klangideal gelegen als an einer individuellen Stimme, aber gerade das lässt ihn im Kontext Jazz wieder höchst individuell erscheinen.

Graupes Trio improvisiert auch, so viel Jazz darf offenbar auch sein, viele Passagen scheinen aber festgelegt. Jonas Westergaard am Kontrabass und Daniel Schröteler, der kurzfristig den bekannteren Christian Lillinger am Schlagzeug ersetzen musste, treten aus dem Schatten purer Begleiter allein schon funktional immer wieder heraus, da die Musik Graupes oft die Stimmen kammermusikalisch verflechtet. Man darf freilich mutmaßen, dass dieses Trio mit dem extrovertierter agierenden Lillinger am Schlagzeug zumindest ein wenig anders agiert. Harmonisch klingen die Stücke eher nach europäischer Kunstmusik, die Blue Notes der Jazzharmonik hört man kaum. Statt durch liedhafte Melodien werden die Themen oft durch die Abfolge so schneller wie komplexer Linien bestimmt, manchmal reiht Graupe aber auch nur minimalistisch Arpeggien aneinander. Die Rhythmik ist meist offen binär, verdichtet sich selten einmal zu stolpernden Rock-Grooves, die aber schnell defragmentiert werden. Ternäres Jazzfeeling und hektischer Free-Jazz-Puls kommen selten auch vor. Rubato-Passagen durchbrechen häufiger das gebundene Spiel.

Das war einerseits ein sehr sprödes Konzert, andererseits machte es aber auch neugierig. Herzlicher Applaus von (zu) wenigen Gästen.