Krefeld: Vom kostbaren Kimono zum Mönchsgewand

Textilien : Vom kostbaren Kimono zum Mönchsgewand

Das edle Material wurde zerschnitten und neu zusammengefügt, um mit dem Armutsgebot vereinbar zu sein. Es gehört nun zum Bestand des Textilmuseums.

Schon seit einem Jahr lag dieses buddhistische Mönchsgewand im Deutschen Textilmuseum — als noch unbezahltes Wunschobjekt der Museumsleiterin Annette Schieck. „Wir haben keinen Ankaufsetat und darum sind wir auf solche Aktionen angewiesen.“ Besagte Aktion war das erfolgreiche Sammeln von Spenden auf dem letzten Flachsmarkt. Melanie Teeuwen von der Arbeitsgemeinschaft Flachsmarkt erklärt: „Wir hatten an unseren drei Infoständen Spendenboxen und so kamen 543,86 Euro zusammen.“

Die Arbeitsgemeinschaft hat den gesammelten Spendenbetrag auf 600 Euro aufgestockt hat, so dass der Umhang komplett bezahlt werden konnte. Die Arbeitsgemeinschaft Flachsmarkt sammelt stets Spenden, um damit gemeinnützig Projekte in Linn zu unterstützen. „Wir haben wechselnde Projekte, so zum Beispiel für das Museum Burg Linn oder das Textilmuseum oder manchmal auch andere Projekte, wie die Kanaldeckel in Linn,“ fügt Alexander Raitz von Frentz hinzu.

Der Stoff stammt aus
dem 17. Jahrhundert

Der erste genaue Blick auf das historische Gewebe ist irritierend. Das große rechteckige Stoffstück setzt sich aus akribisch zusammengesetzten Flicken eines kostbaren Seidengewebes zusammen. Hat da jemand mutwillig ein edles historisches Gewand zerschnitten, um später Teile unterschiedlicher Größe wieder zusammen zu nähen? Walter Bruno Brix, Experte für ostasiatische Textilien, kann die Hintergründe erläutern.

Bei dem Stoff handelt es sich um ein japanisches Gewebe, das vermutlich im 17. Jahrhundert gefertigt wurde. Daraus schneiderte man einen Kimono, der für Aufführungen des traditionellen Noh-Theaters bestimmt war.

Für diesen Anlass musste es ein edles Material sein. So wurden Seidengarne in zwei Stärken verarbeitet: zum einen ein feineres, das den Untergrund - besser Hintergrund - für einen Ausschnitt aus einer Landschaft bildet. Der fast schon poetische Name des ursprünglichen Gewands beschreibt die dargestellte Szene: „achtfältige Plankenbrücke über den Sumpf mit Schwertlilien“, ein Thema, das auch von japanischen Dichtern bearbeitet wurde.

Die Schwertlilien, teils mit geöffneten Blüten, teils mit Knospen, ebenso ihre Blätter und natürlich auch die gezackte Bohlenbrücke auf Pfählen wurden aus einem dickeren Seidengarn gewebt, so dass diese Motive reliefartig etwas hervor stehen. Die Farben sind im Laufe der Jahrhunderte etwas verblasst.

Brix meint, dass das Seidengewebe des Untergrunds einst sogar noch mit Silberplättchen beklebt war. Zusätzlich zur hohen Handwerkskunst bedeutet die noch eine Steigerung des Materialwerts. Völlig überraschend ist dagegen die Nutzung dieses edlen Materials im 19. Jahrhundert. Der kostbare Kimono wurde zerschnitten, um daraus einen Umhang für einen buddhistischen Mönch anzufertigen.

Da es mit dem Armutsgebot nicht vereinbar ist, wurde das Gewebe in Flicken und kleine Bahnen zerschnitten — es sollte der Eindruck entstehen, als hätte man hier Stofffetzen von der Straße oder aus dem Abfall gesammelt. Doch der- oder diejenigen mussten ein Herz oder eher Ehrfurcht vor dem historischen Kimono gehabt haben. Unverkennbar ist das „neue“ Stückwerk, aber beim Zusammenfügen hat man sehr wohl darauf geachtet, dass die Motive, die Schwertlilien oder die Planken nicht allzu sehr zerstört wurden. Teilweise hat man sich gar nicht getraut, zu schneiden und stattdessen nur mit Knicken im Stoff den Anschein gegeben.

Als Mönchsumhang (Kesa) wurde das rechteckige Stück über die linke Schulter gelegt, unter der rechten Achsel hervorgezogen und dann mit Bändchen zusammen gebunden.

Das kostbare Armutszeugnis wird erst einmal wieder im nicht öffentlichen Bereich des Museums verschwinden, um katalogisiert und restauriert zu werden. Bei einer der nächsten Ausstellungen wird es vermutlich als Exponat gezeigt. Eine Ausstellung mit chinesischen Textilien würde sich für diese Premiere eignen, weil diese Webtechnik aus China stammt. Aber auch eine Ausstellung für Textilkunst rund um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wäre ein passender Zusammenhang. „Und dann noch diese Anlehnung an den Jugendstil“, meint Isa Fleischmann-Heck voller Begeisterung über die Darstellungen der Schwertlilien und die Wellen des Gewässers. Französischer Jugendstil mit Wurzeln in Ostasien im 17. Jahrhundert? Keineswegs eine kühne Behauptung. Schließlich hat sich die europäische Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts viele Anregungen von dort geholt, wie der Japonismus zum Beispiel in der Malerei eines Vincent van Gogh, in der Jugendstilgraphik allgemein oder der Glaskunst eines Émile Gallé.

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